Länder von heute im Reich von damals Mittwoch, Mai 11 2011 

– Heutige Staaten auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches

Soeben las ich eine schöne Suchanfrage, mit der jemand auf diesen Blog kam, nämlich:

welche heutigen staaten gehören ganz oder teilweise auf dem boden des römischen reiches

Wie schön!

Also, die Staaten die heute auf Grund und Boden liegen, der mal zum Heiligen Römischen Reich gehörte, sind folgende:

  • Deutschland (das war jetzt nicht so schwer)
  • Österreich (mit der Ausnahme des Burgenlands, das zu Ungarn gehörte)
  • Schweiz
  • Luxemburg
  • Niederlande
  • Belgien
  • Frankreich (wegen Elsass, Franch Comté oder auch Lothringen)
  • Slowenien (falls nicht komplett, dann doch wenigstens ziemlich große Teile davon)
  • Tschechien
  • Italien (wegen Südtirol und dem restlichen Norditalien)
  • Polen (wegen Schlesien, Hinterpommern und Ostbrandenburg)

Dann gibt’s noch Länder, die zwar Teil des Heiligen Römischen Reiches waren, aber deren heutiges Staatsgebiet nicht auf dem Boden des Reiches steht – kapiert irgendjemand, was ich damit sagen will?

Egal, diese Staaten sind/waren nämlich:

  • Dänemark (wegen Holstein)
  • Schweden (wegen Vorpommern und dem Bistum Bremen)
  • England (wegen der Personalunion mit Hannover)

Das sollten sie alle gewesen sein. Wer’s gerne bildlich haben möchte, hier ist eine (nicht besonders gute) Karte vom Reich und den heutigen Staaten:

Englands Könige I Sonntag, Mai 8 2011 

– Vom Abzug der Römer zum ersten englischen König

Etwas verspätet, aber aus aktuellem Anlass gibt’s eine neue Reihe. Wie schön, nicht wahr? In den letzten Tagen häuften sich die Suchbegriffe zum Stammbaum des englischen Königshauses. Das ist mal ’ne Aufgabe, also rein ins Getümmel!

Am Anfang gab’s noch nicht so wahnsinnig viel Getümmel, denn da waren die Römer im keltischen Britannien – das, was wir heute England nennen, war die Provinz Britannia. Im Norden, im heutigen Schottland, lebten die Pikten. Sie waren nicht von den Römern unterworfen worden. Vermutlich, weil die Pikten sich arg dolle wehrten und das Piktenland im allgemeinen eher kalt und unwirtlich war.

Viel Freude hatten die Römer aber nicht an ihrer Provinz Britannien, sodass sie sie im 4. Jahrhundert diese unwirtliche Insel aufgaben und versuchten, ihr restliches Reich zu retten.

In den folgenden Jahren schauten drei germanische Stämme vorbei, die Angeln, die Sachsen und die Jüten. Alle drei stammen aus dem Gebiet der heutigen Niederlande, des heutigen Niedersachsen und Dänemarks und siedelten sich in Britannien an, weil’s ihnen dort gut gefiel. Und wie der Sachse halt so ist, gründete auf der Insel ein paar Königreiche. Sachsen und Angeln. Angeln und Sachsen – daraus wurden die Angelsachsen! Und das Land, das sie da besiedelten, war das Land der Angeln. Angelland, Engelland, England. Gar nicht so schwer.

Um 700 existierten sieben Königreiche in England. Essex (Ostsachsen), Sussex (Südsachsen), Wessex (das gleiche im Westen), Northumbrien, Mercia, Kent und East-Anglia (na, wofür „Anglia“ wohl stehen mag). Sieben Königreiche, weswegen diese Zeit auch mit dem griechischen Wort Heptarchie bezeichnet wird, also Herrschaft der Sieben, wenn man so will. Jedenfalls, gut hundert Jahre später, so um 800, kamen wieder fremde vom Kontinent nach England. Diesmal waren es die Wikinger, die aber erstmal nicht siedelten, sondern lieber die Küsten plünderten.

Handelte es sich zuerst um einige vereinzelte Überfälle auf Klöster (die Angelsachsen waren im Laufe der Zeit alle christlich geworden) in Küstennähe, so wurden im 9. Jahrhundert die Wikingerraubzüge pauschalreisenartig durchgeführt. England als Ziel der Plünderparty war besonders bei den Dänen sehr beliebt, sodass sie beschlossen, in England sesshaft zu werden. 865 eroberten sie die zwei angelsächsischen Königreiche Northumbrien und East-Anglia und einen Teil Mercias.

Das blaue Territorium gehörte den Dänen, das rote blieb angelsächsisch.

Weniger Erfolg hatten die dänischen Wikinger in Wessex, denn dort stellte sich ihnen ein Mann (mit seiner Armee) entgegen: der junge wessexische König Alfred. Er brachte den Dänen 878 eine so große Niederlage bei, dass der dänische König Frieden mit Alfred schloss. Die Dänen sollten nicht mehr durch die englischen Königreiche marodieren und durften im Gegenzug ihr bisher erobertes Gebiet in Nordengland behalten und dort tun und lassen, was sie wollten. Das war ein großer Erfolg für Alfred, doch er ruhte sich nicht auf seinen Lohrbeeren aus, sondern arbeitete fleißig in alle Richtungen. Er ließ Städte befestigen. Er trieb Handel mit den Dänen und den übrigen Königreichen. Er betrieb Heiratspolitik und Diplomatie.

Statue König Alfreds in Winchester

Und band so alle übrigen angelsächsischen Königreiche an sich. So wurde König Alfred von Wessex nicht nur König Alfred der Große, sondern auch König aller Angelsachsen und damit erster englischer König.

Die Päpste, die ich rief Samstag, Feb 19 2011 

– Das große abendländische Schisma

1305 freute sich der französische König Philipp IV., denn es wurde mit Clemens V. ein neuer Papst gewählt, der selbst Franzose war und dem König wesentlich freundlicher gestimmt war als sein Vorvorgänger. Philipp konnte zufrieden sein, dass in Rom nun jemand saß, der ihm weder ins Handwerk pfuschte noch ihm widersprach. Stattdessen legte sich Papst Clemens mit den mächtigen Adelsfamilien der Stadt Rom an und verließ schließlich 1309 die ewige Stadt. Er ging nach Avignon und nahm den Sitz der ganzen Kurie der EInfachheit halber gleich mit in die französische Stadt. In den folgenden Jahren blieben die Päpste einfach in Avignon. Es wurden zunehmend Franzosen zu Kardinälen gekürt und einen schmucken Palast bekamen die avignonesischen Päpste auch noch. Die nächsten sechs Päpste waren allesamt französisch.

Papst Gregor XI. kehrt nach Rom zurück. Ein Fresko aus dem 16. Jahrhundert.

1377 kehrte Papst Gregor XI. wieder nach Rom zurück, bereits ein Jahr später starb er. Es musste also ein neuer Papst gewählt werden. Das Kardinalskollegium wählte Urban VI., der kein Freund der französischen Kardinäle war. Jene wählten ihrerseits nun einen eigenen Papst, Clemens VII., einen Gegenpapst. Nun gab es zwei Päpste, Urban saß in Rom und Clemens in Avignon. Zwei Päpste auf einmal zu haben, war nichts allzu ungewöhnliches, schließlich gab es bis dato schon öfters einen Gegenpapst zum Papst. Doch in diesen Fällen waren die Gegenpäpste von weltlichen Herrschern (meist dem Kaiser, der jemanden brauchte, der ihn krönen konnte) eingesetzt, diesmal herrschte jedoch Uneinigkeit bei den Kardinälen. Und diese sollten doch eigentlich, beseelt vom Heiligen Geist, den einzig Richtigen zum Papst wählen. Die Christenheit war deswegen einigermaßen verwirrt, welcher Papst denn nun der Papst sei.

Clemens wurde unter anderem von den spanischen Königreichen und - natürlich - Frankreich unterstützt, Urban von England und dem Kaiser und Polen. Einige andere Fürsten, wie die im Süden und Westen des Heiligen Römischen Reiches, schlugen sich später auf die Seite Urbans. Für ein größeres Bild: Draufklicken!

Über dreißig Jahre lang wählte man sich in Rom und Avignon einen eigenen Papst nach dem anderen. In Europa kamen Stimmen auf, die das Papsttum ganz allgemein anzweifelten und auf Reformbedarf der Kirche hinwiesen. Der Nährboden für die Reformation wurde gelegt. 1409 wollte man diese unwürdige Scharade endlich beenden. Auf dem Konzil von Pisa sollte eine Einigung gefunden werden. Die beiden Päpste in Rom und Avignon wurden für abgesetzt erklärt, man wählte mit Alexander V. einen neuen Papst und damit hätte sich die Sache erledigt gehabt, doch weder der Papst in Rom noch sein Gegenpart in Avignon akzeptierten ihre Absetzung und blieben auf ihren heiligen Stühlen. Das Konzil, dass das Schisma beenden sollte, verschlimmerte es nur, denn jetzt gab es gleich drei Päpste.

Die Stimmen, die fragten, ob man die Kirche nicht mal eine Reform nötig hätte, wurden immer lauter. In Böhmen machte Johannes Hus auf sich aufmerksam, der den Reformbedarf der Kirche offen anprangerte.

Seit 1411 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, verlor Sigismund allmählich die Geduld ob der päpstlichen Kindereien. Jeder Papst, egal ob Gregor XII. in Rom, Johannes XXIII. in Pisa oder Benedikt XIII. in Avignon, hielt sich für den einzig rechtmäßigen. Der Kaiser setzte den pisanischen Papst Johannes unter Druck; jener solle ein Konzil in Konstanz einberufen, um die Sache ein für alle mal aus der Welt zu schaffen. Johannes eröffnet das Konzil, das Papst Gregor aus Rom sogar anerkannte. Nur Benedikt wollte von dem Konzil nichts wissen.

Sitzung des Konzils von Konstanz

Zunächst glaubte Johannes an eine für ihn günstige Entwicklung, doch die Mitglieder des Konzils gewannen mehr und mehr Selbstvertrauen und bestimmten, dass das Konzil in der Hierarchie noch über dem Papst zu stehen hat. Als Johannes merkte, welches Spiel hier gespielt wurde und dass seine Papstträume bald am Ende sein könnten, floh er Hals über Kopf aus Konstanz, wurde jedoch nur kurze Zeit später wieder eingefangen und zurück zum Konzil geschleift. Das Konzil erklärte den gefangenen Johannes für abgesetzt. Gregor trat freiwillig zurück, Benedikt wurde in Abwesenheit abgesetzt. Nun war der Weg frei für Papstwahlen! Drei Jahre nach dem Beginn des Konzils, also 1417, war das Schisma endlich beendet, der neue Papst hieß Martin V. – doch halt! War er auch der einzige Papst? 

Papst Martin V.

Johannes wurde als Gefangener abgesetzt, Gregor trat freiwillig zurück. Doch Benedikt dachte gar nicht daran, auch nur irgendwas aufzugeben und sah sich weiterhin als einzig rechtmäßigen Papst. Trotzig zog er sich nach Spanien zurück, wo er 1423 starb.

Endlich gab es nur noch einen einzigen Papst, doch das Ansehen des Papsttums hatte stark gelitten. Zwar wurde der Reformator Johannes Hus auf das Konstanzer Konzil geladen und dort gleich auf dem Scheiterhaufen erhitzt, aber die reformatorische Bewegung der Hussiten in Böhmen hielt das nicht auf. Auch an anderen Orten rumorte es, bis 1517 ein kleiner Mönch ein paar Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg nagelte.

Der blinde Ritter Samstag, Jan 22 2011 

– Johann von  Böhmen

Es ist schon ziemlich witzig, wie deutsch das englische Königshaus ist. Nicht nur, dass die englischen Könige und Königinnen im Grunde deutschen Adelshäusern angehören (auch wenn sie sich Windsor nennen), auch der Wahlspruch des englischen Thronfolgers, dem Fürsten von Wales, ist in deutscher Sprache verfasst – weil er geklaut wurde! Und woher?

Johann wurde 1296 geboren und war der Sohn Kaiser Heinrichs VII. des Heiligen Römischen Reiches. Als sein Papa 1308 von den Kurfürsten auf den Thron gehievt wurde, bekam Johann die Grafschaft Luxemburg zugeschanzt. Dank ausreichend Vitamin B herrschte dort nun ein Zwölfjähriger. Kurze Zeit später meldeten sich zahlreiche böhmische Adlige bei Heinrich VII. und taten ihren Unmut über den amtierenden böhmischen König kund. Jener wurde kurzerhand abgesägt und der Kaiser schob 1310 Johann quer durchs Reich und gab ihm Böhmen als Lehen. Der böhmische Adel rang dem jungen König noch weitreichende Zugeständnisse ab; so durften Stellen in Böhmen auch nur von Einheimischen besetzt werden.

Johann von Böhmen

1313 war kein gutes Jahr für Johann. Vater, Mutter und Onkel tot, nun wollte der siebzehnjährige Jungspund selber Kaiser werden. Er bemühte sich bei den Kurfürsten, umsonst. Die wollten nämlich gar keinen starken Mann zum Kaiser machen und entschieden sich für einen Schwächling, Ludwig. Ein Wittelsbacher. Zumindest ein Teil der Kurfürsten, ein paar andere entschieden sich für den Kandidaten des Hauses Habsburg, Friedrich den Schönen. Der hübsche Fritz kabbelte nun mit Ludwig; Johann stand Ludwig dabei zur Seite.

Ludwig der Bayer auf seiner Grabplatte

Währenddessen rumorte es in Böhmen, der Adel verlangte mehr Rechte und Johann knickte ein. Nicht zuletzt, weil die Adligen immer wieder mit Krieg gedroht hatten und ihn abzusägen. Sie drohten, einen Habsburger zu ihrem König zu machen. Zu viel Macht kam Johann in Böhmen nicht mehr, weil er sein Engagement auf die Außenpolitik verlagerte. So versuchte er, seine Ansprüche in Polen durchzusetzen, was immerhin dazu führte, dass er ein paar schlesische Herzöge für sich gewinnen konnte. 1335 gab Johann schließlich alle Ansprüche auf den polnischen Thron auf und beschränkte sich auf Schlesien, das er inzwischen kontrollierte.

Das Heilige Römische Reich im 14. Jahrhundert. Das violette Gebiet ist luxemburgisch. Klicken zum Vergrößern.

Zwei Jahre später erblindete er auf einem Auge. Damit die Blindheit nicht auf das andere, gesunde Auge übersprang, musste Guckorgan entfernt werden. Dazu kam der berühmte Quacksalber Mediziner Guy de Chauliac an den Hof zu Prag und operierte den König. Ergebnis der Scharlatanerie war letztlich, dass Johann auch auf dem anderen Auge erblindete. Dies befähigte ihn dazu, den Beinamen „der Blinde“ zu tragen.

Johann und Ludwig begannen, sich voneinander zu distanzieren. Im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich engagierten sich die beiden Herrscher – Ludwig bei den Engländern, Johann bei den Franzosen. In der Schlacht von Crécy trafen die Franzosen und Johann auf die englische Armee. Johann nahm blind an der Schlacht teil, geführt von seinem Sohn Karl. Die Schlacht lief gut. Für die Engländer. Irgendwann setzte sich Karl von seinem Vater ab und stürzte sich ins Getümmel und auch Johann ritt blindlings in die Schlacht, haute und stach wild umsich und wurde schließlich erschlagen. Kein Wunder, wer blind wie ein Maulwurf ist. Als die Schlacht geschlagen war, stand Edward of Woodstock, der Sohn des englischen Königs und Fürst und Wales, ehrfürchtig vor dem erschlagenen Johann und war sichtlich angetan von dessen Mut. Aus Bewunderung übernahm Edward Johanns deutschen Wahlspruch und machte ihn zum Bestandteil des Wappenzeichens der Fürsten von Wales: Ich dien.

Wappenzeichen des Fürsten von Wales

Mord in der Kathedrale Dienstag, Dez 21 2010 

– Der Fall Thomas Becket

Thomas Beckett war Lordkanzler des englischen Königs. Und er war seit 1162 Erzbischof von Canterbury. Insgesamt war Thomas Beckett also ein ziemlich hohes Tier im Königreich England. Mit König Heinrich II. gab es regelmäßig Probleme, denn beide hatten verschiedene Ansichten, wie Strafverfolgung innerhalb des Klerus auszusehen hätten. Dass mit den klerikalen Verbrechern aufgeräumt werden müsse, darüber waren sich beide einig, aber sollte man sie weltlichen oder geistlichen Gerichten zuführen?

Thomas Becket

Thomas Becket

 Heinrich II. setzte letztendlich seinen Willen durch und Thomas knickte unter dem Druck ein. Später widerrief er seine Zustimmung und machte sich aus dem Staub und floh nach Frankreich. Ein Rücktrittsgesuch Beckets lehnte der Papst ab. Die Frage nach der Gerichtsbarkeit wurde nicht gelöst. Sechs Jahre nach seiner Flucht kehrte der Erzbischof 1170 wieder nach England zurück. Kurz vorher exkommunizierte er noch alle Bischöfe, die den Thronfolger krönen sollten.

Heinrich II.

Heinrich II.

Dem König Heinrich II. schmeckte der aufrührerische Spaltpilz ganz und gar nicht. In einem Tobsuchtsanfall überzog er den Erzbischof mit Schimpftiraden und schrie Verwünschungen aus. Vier anwesende Ritter lauschten dem Wutausbruch des Königs machten sich einen eigenen Reim darauf. Sie hörten im königlichen Geschrei einen Befehl heraus und machten sich auf den Weg zur Kathedrale von Canterbury.

Dort angekommen führten sie den imaginären Befehl des Königs aus und brachten den Erzbischof um – in der Kathedrale! Auf heiligem Boden!

Die Ermordung Thomas Beckets (rechts mit Bischofstab). Links die Ritter.

Die gleiche Szene nochmal, aus den Glasfenstern der Kathedrale von Canterbury

Der Erzbischof tot! Das tat dem Papst nicht gefallen, sodass er die vier Mörder exkommunizierte. Einige pilgerten nach Rom und krochen zu Kreuze; der Heilige Vater schickte sie auf den nächstbesten Kreuzzug und ins Heilige Land. 1173 sprach der Papst Thomas Becket heilig. Ein Jahr später trat Heinrich II. zerknirscht einen Bußgang nach Canterbury an – und akzeptierte den ungeliebten neuen Heiligen als Schutzpatron.

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