Ein Angebot, dass er nicht annehmen kann Dienstag, Aug 3 2010 

– Die Stalinnote

1952, der Kalte Krieg zwischen dem kommunistischen Osten und dem liberalistischen Westen beginnt zu beginnen. Deutschland ist zweigeteilt. Westeuropa schließt sich gerade zur Montanunion zusammen und fasst schon das nächste Projekt ins Auge: Neben der wirtschaftlichen Union soll jetzt noch eine politische und militärische folgen. Das bedeutet, dass der Westdeutsche Staat wieder Streitkräfte bekäme, die gegen den Osten gerichtet wären.

Im Kreml sitzt Stalin, der nicht nur über die Sowjetunion, sondern auch über die ganzen Satellitenstaaten im Ostblock herrscht. Er beäugt die Aufrüstungspläne des Westens mit Argusaugen und sieht sich bestätigt in seiner Meinung, dass der Westen eine aggressive Politik gegen den Kommunismus fährt.

Stalin machte der Bundesrepublik ein verlockendes Angebot. Er bot dem deutschen Weststaat die Wiedervereinigung an; das Gebiet der DDR und das der Bundesrepublik sollten sich zu einem souveränen deutschen Staat vereinigen. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs sollten das Land verlassen, das Besatzungsstatut würde enden. Dieses Deutschland sollte zu Verteidigungszwecken Militär besitzen; eine Begrenzung der Truppen gab Stalin nicht vor. Deutschland wäre frei, dürfte sich allerdings keinem Block anschließen und müsste damit neutral bleiben, zwischen den beiden Blöcken.

Die DDR gab Stalin natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe her, sondern aus ganz rationalen Gründen. So ungeheuer bedeutsam war die DDR für Stalin nicht, sie war durchaus entbehrlich, wenn man ganz Deutschland dafür in die Neutralität ziehen konnte. Eine deutsche Armee wäre vermutlich der Albtraum der Sowjets gewesen; noch zu frisch waren die Erinnerungen an die Wehrmacht und wozu sie imstande war, selbst als sie praktisch schon geschlagen war. Eine effiziente deutsche Armee wollte Stalin deswegen verhindern. Und ein neutrales Deutschland, dass sich keinem Block anschließen durfte, durfte auch nicht der NATO beitreten, der westlichen Militärallianz.

In Bonn wägte man Stalins interessantes Angebot ab – und lehnte schließlich ab. Man vertraute dem ganzen nicht – immerhin kam die nur allzu gut klingende Offerte vom Feind schlechthin. Neutralität, so dachte man, bedeutete auch Isolation und Abschottung. Die Bundesrepublik versuchte ja gerade, sich in den Westen zu integrieren und eine Annahme der Stalinnote hätte bedeutet, dass die bisher erzielten Erfolge in der Schaffung eines friedlichen (West-)Europas zunichte gemacht wären. Außerdem fürchtete man, dass ein neutrales Deutschland genau zwischen den beiden verfeindeten Blöcken nicht lange Bestand haben werde und die Karte Europas deshalb bald so aussehen könnte:

Stalins Plan ging nicht auf. Zwar scheiterte die Idee einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, doch 1955 wurde die Bundesrepublik Mitglied der NATO. Die Bundeswehr wurde gegründet – die Antwort der Sowjetunion war die Gründung des Warschauer Paktes, sozusagen der NATO des Ostblocks. All das erlebte Stalin nicht mehr; er starb 1953.

Mehr durch weniger Samstag, Jun 19 2010 

– Die Wurzeln der EU

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war klar, dass Europa neu geordnet werden musste. Nicht nur, dass das frisch besiegte Deutschland als europäische Großmacht ausfiel, in Mittelosteuropa baute die Sowjetunion sich einen Schutzgürtel aus kommunistischen Staaten und dehnte ihren Einflussbereich bis zur Lüneburger Heide aus.

1949 wurden aus den drei westlichen Besatzungszonen der Alliierten in Deutschland die halbwegs souveräne Bundesrepublik Deutschland. Halbwegs souverän deshalb, weil der frische deutsche Weststaat weder eine eigene Armee, noch Kontrolle über das rohstoffreiche Ruhrgebiet hatte.

In Paris lief man zu der Zeit dennoch die Wände hoch: der alte Erz- und Erbfeind und Kriegsgegner war wieder da, der zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hatte. Nach französischer Ansicht war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Deutschland seine Wirtschaft wieder auf Hochtouren laufen lassen, eine Armee aufstellen und wieder bewaffnete Wandertage durch La grande nation unternehmen würde.

Denn eines war sicher: auf Dauer konnte das Ruhrgebiet nicht von der internationalen Ruhrbehörde verwaltet werden. Irgendwann würden die Deutschen das Ruhrgebiet komplett für sich beanspruchen und dann, so die Befürchtungen knapp fünf Jahre nach Kriegsende, ging der ganze Spaß von vorne los. Außerdem wusste man in Paris, dass die deutsche Schwerindustrie der französischen überlegen war und jene exportmäßig in der Luft zerreißen würde, insbesondere, wenn das deutsche Wirtschaftswachstum so weiterliefe wie bisher.

Während man in Frankreich also schon vor dem geistigen Auge die neue Wehrmacht am Arc de Triomphe vorbeimarschieren sah, schlossen sich Großbritannen, Belgien, Luxemburg, die Niederlande und natürlich auch Frankreich bereits 1948 zum Brüsseler Pakt zusammen, sozusagen präventiv vor der Gründung der Bundesrepublik. Dieses militärische Verteidigungsbündnis war gegen Deutschland gerichtet. Man versprach sich gegenseitigen Beistand, falls die Barbaren jenseits des Rheins auf dumme Gedanken kommen sollten.

Der Brüsseler Pakt war Frankreich jedoch zu wenig, da Deutschland ja immer noch die Möglichkeit hatte, seine Militärmaschinerie wieder in Gang zu bekommen. So weit durfte es aber aus französischer Sicht nicht kommen, denn wie effektiv das Militär der Benelux-Staaten und Frankreichs im Vergleich zum deutschen war, das wusste man seit den schmerzhaften Erfahrungen des Jahres 1940.

Der französische Wirtschaftspolitiker Jean Monnet, zuständig für den Wiederaufbau in Frankreich, hatte die zündende Idee: Wenn die Deutschen in der Kohle- und Stahlindustrie so haushoch überlegen sind und die französische Schwerindustrie dagegen abstinkt und die Deutschen mehr Mitbestimmung über das Ruhrgebiet und sowieso mehr Souveränität haben wollen, warum legen wir dann nicht die französische und deutsche Schwerindustrie zusammen?

Eiligst wurde der Plan ausgearbeitet und nachdem es grünes Licht seitens der eigenen Regierung und der Bundesregierung gab, ließ der französische Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 die Bombe platzen. (Der Plan ging übrigens nicht als Monnet-Plan, sondern als Schuman-Plan in die Geschichte ein.)

Der Plan besagte, dass Frankreich und Deutschland ihre Kohle- und Stahlproduktion zusammenlegen und von einer unabhängigen, überstaatlichen Institution, der Hohen Behörde (aus der später einmal die Europäische Kommission werden sollte), verwalten zu lassen. Diese Organisation stand anderen Staaten zum Beitritt offen; die Gründungsländer der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) – oder einfach: Montanunion – waren neben Frankreich und der Bundesrepublik noch die Benelux-Staaten (also Belgien, die Niederlande und Luxemburg) und Italien.

Die Gründungsstaaten der Montanunion (blau). Man beachte Nordafrika, das zu Frankreich gehörte, ebenso wie das Saarland, das erst 1957 zur Bundesrepublik kam.

Warum sich Frankreich und Deutschland auf dieses revolutionäre Abenteuer einließen, liegt auf der Hand. Frankreich sah die Kriegsgefahr, die von Deutschland ausging, gebannt. Mit einer gemeinsam kontrollierten Stahlindustrie ließ sich nicht so ohne weiteres eine Angriffsarmee aufstellen. Außerdem profitierte die französische Wirtschaft so von der deutschen, insbesondere von der deutschen Ruhrkohle. Die französische konnte also im Windschatten der deutschen Industrie wachsen und sich modernisieren.

Die Bundesrepublik wollte glaubhaft machen, dass sie an einem Krieg nicht mehr so sehr interessiert ist und versprach sich nicht nur wirtschaftliche und sicherheitspolitische Gewinne, sondern auch mehr Souveränität – schließlich erhielt man so ein wenig Kontrolle über das Ruhrgebiet zurück.

Insgesamt versprachen sich beide Seiten durch die Gründung der Montanunion Souveränitätsgewinne, indem sie Souveränität abgaben. Und das nicht an eine Behörde, die von allen Mitgliedsstaaten kontrolliert wurde, sondern an eine unabhängige, überstaatliche Institution. 1950 wurde der Grundstein für das Gebilde gelegt, welches – nach vielen Vergrößerungen was die Aufgabenbereiche und die Zahl der Mitgliedsstaaten angeht – heute von uns als Europäische Union bezeichnet wird.

Das Loch im Berg Freitag, Mai 28 2010 

– Der Regierungsbunker der Bundesrepublik

Hat sich jemand mal gefragt, was die Bundesregierung im Kalten Krieg gemacht hätte, wenn es zum Atomkrieg gekommen wär? Sicher wäre sie nicht in Bonn geblieben, um sich von russischen Mittelstreckenraketen atomisieren zu lassen. Nein, die Bundesrepublik leistete sich einen Regierungsbunker. Offizieller Name: Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik. Jahrzehntelang war der Bunker ein gehütetes Geheimnis, sehr idyllisch gelegen unter den Weinbergen von Ahrweiler, im Norden von Rheinland-Pfalz. Der gut 13 Kilometer lange Tunnel wurde geräumt und entkernt, bis auf zweihundert Meter, die erhalten wurden. Als Museum. Und ich war da. Aber zurück zum Bunker.

Der Bunker hat eine lange Geschichte hinter sich und war zu Beginn überhaupt kein Bunker. Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches und der Eroberung Lothringens wollte man für die Wirtschaft eine Bahnlinie errichten, die das Ruhrgebiet mit seiner Kohle mit dem an Erz reichen Lothringen verbinden sollte. In der Nähe von Ahrweiler wurde dazu ein Tunnel durch die Berge geschlagen, denn die Bahnstrecke über die Berge zu legen, wäre zu umständlich gewesen und die direkteste Verbindung zwischen zwei Punkten ist nunmal eine Gerade. 1910 begann man mit dem Bau und trieb den Tunnel durch die Berge. Vier Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus. Deutschland verlor den Krieg und musste Lothringen an Frankreich abtreten.

Damit war der schöne, fast fertige Tunnel nutzlos geworden. Das sahen auch die Franzosen so (gegen die der Tunnel ja letztenendes gerichtet war) und ließen die Eingänge sprengen. In der Zwischenkriegszeit wurde der Tunnel nicht weiter genutzt. Aufgrund des kühlen, feuchten Klimas wurde der beinahe-Eisenbahntunnel zur Champignonzucht verwendet.

Wirkliche Bedeutung bekam der Tunnel erst im Zweiten Weltkrieg. In den letzten Kriegsjahren bombardierten die Alliierten – nunja – im Grunde alles, was in Deutschland stand. Auch und vor allem die Rüstungsindustrie, weswegen viele Anlagen unter Tage verlegt wurden. In die ehemalige Champignonzucht zog nun die Rüstung ein. Im für Bombenangriffe unerreichbaren Tunnel wurden nun Abschussrampen für die V2-Raketen gebaut – von Zwangsarbeitern aus einem Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald.

Nach Ende des Krieges ließen die Franzosen die Tunneleingänge schon wieder sprengen. Und schon wieder dauerte es nicht allzu lang, bis der Tunnel neu genutzt wurde. Denn 1955 trat die junge Bundesrepublik der NATO bei. Eine Bedingung der NATO an alle Mitgliedsstaaten war es, einen Ausweichssitz für die Regierung zu schaffen, um diese im Falle eines Atomschlags in Sicherheit bringen zu können. Die Bundesregierung suchte und entdeckte den Tunnel für sich. Dort sollte der Atombunker entstehen. Die Lage erschien ideal, nur eine knappe halbe Stunde von der neuen Hauptstadt Bonn entfernt, abgelegen, in einem Berg und ein Großteil der Arbeit, nämlich das Aushöhlen, wurde schon fünfzig Jahre vorher erledigt.

1960 begannen schließlich die Arbeiten am Tunnel und zukünftigen Bunker. Natürlich war das keine Angelegenheit, die einfach so herausposaunt wurde; die gesamte Anlage unterlag strengster Geheimhaltung. Zur Tarnung wurde das Gebiet zum Trainingsgebiet des THW erklärt, so konnte man vor der Bevölkerung die Bauarbeiten weitestgehend geheim halten.

Nach zwölf Jahren Bauzeit war der Bunker schließlich fertig. Die dreizehn Kilometer lange Anlage, die vom Marienthal unterbrochen wurde, war in mehrere Segmente aufgeteilt, von denen jedes einzelne eine eigene Strom- und Wasserversorgung und Luftfilter besaß. Die Haupteingänge waren durch jeweils zwei dicke Stahltore gesichert, die im Ernstfall innerhalb von zehn Sekunden geschlossen werden konnten. Der Bunker wurde rund um die Uhr einsatzbereit gehalten, man war stets in Alarmbereitschaft, falls der Russe Faxen machen sollte.

Die Anlage bot Platz für gut zweitausend Menschen und konnte, völlig isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten, ca. dreißig Tage lang aushalten. Danach hätte Frischluft von draußen wieder zugeführt werden müssen. Vorgesehen war der Bunker nur für die Führungsschicht der Bundesrepublik, also Bundeskanlzer und -präsident, sowie das Kabinett und die Bundeswehrspitze sollten die administrative Funktion des Landes am Leben halten.

Alle zwei Jahre wurden NATO-Manöver durchgeführt, in denen der Ernstfall im Bunker erprobt wurde. Das bedeutet, dass die Kanzler und Minister ihre Staatssekretäre in den Bunker schickten, damit diese die Funktion eines Ministers (bzw. Kanzlers) während der Übung ausführen konnten. Die Übungen dauerten zwei Wochen. Die Arbeitstage waren je sechs Stunden lang. Das macht 18 Stunden Freizeit. Da dauern zwei Wochen gefühlt schon mal länger, sodass es im Bunker Räume für Filmvorführungen und Fitness gab. Ansonsten konnte man es sich höchstens in den Doppelbetten im Schlafteil gemütlich machen. Einzelzimmer bekamen nur Bundeskanzler und Bundespräsident, alle anderen mussten sich die Unterkünfte mit anderen Beamten teilen. Natürlich waren die Schlafräume nach Geschlechtern getrennt, trotzdem kam es während dieser Übung zu Bunkerbabys oder um genauer zu sein: etwa neun Monate danach. Irgendwie musste man die 18 Stunden ja totschlagen.

Den Bunker hat nie ein Kanzler oder Minister je von innen gesehen; keiner von denen hatte natürlich Zeit, für zwei Wochen von der Bildfläche zu verschwinden, um bei einem NATO-Manöver teilzunehmen in einem Bunker, den es offiziell gar nicht gab.

Mit der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges wurde der Bunker obsolet. Erst recht, als die Regierung beschloss, von Bonn nach Berlin zu ziehen. Doch was tun mit diesem Bunker? Immerhin fraß er jede Menge Geld und musste instand gehalten werden. In einfach zu versiegeln (wie es die Franzosen wohl gemacht hätten) ging nicht, denn wie das bei Bauwerken so ist, die in den 60ern gebaut wurden: Es wurden jede Menge giftige Materialien verwendet. Und da der Bunker und ex-Tunnel ein enormes Problem mit der Feuchtigkeit hatte und immer noch hat (Champignons, wir erinnern uns), bestand die Gefahr, dass die giftigen Dinge aus dem Tunnel ins Grundwasser gespült werden, was für die Region an sich eher ungut gewesen wäre.

Also wurde 1997 eine Ausschreibung gemacht, in der Hoffnung, dass jemand den Bunker kauft. Weswegen das jemand tun sollte, weiß ich nicht und es kam auch zu keinem Verkauf. Die praktikabelste Lösung war nun die Entkernung des Bunkers; bis auf die Tunnelröhre wurde alles rausgerupft und weggeschafft – bis auf besagte 200 Meter, die nun als Museum dienen.

Bleibt noch die Frage, wie sicher der Bunker war. Da gab es vor allem zwei Probleme.

  1. Der Bunker war ja eigentlich nur ein Tunnel. Also als solcher nicht auf Atomschläge vorbereitet. Die Zerstörungskraft von Atombomben wuchs im Rüstungswettlauf des Kalten Krieges exponentiell; die Bombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde, hatte eine Sprengkraft von 21 Kilotonnen. Während des Kalten Krieges wurden Bomben entwickelt mit der Sprengkraft von hundert Megatonnen. Selbst ein indirekter Treffer hätte nicht nur die Gegend entvölkert und die Vegetation in Mitleidenschaft gezogen, sondern den Berg etwas verrutschen lassen. Was das für den Bunker bedeutet hätte, kann sich wohl jeder selbst ausmalen.
  2. Die Geheimhaltung. Natürlich blieb der Bevölkerung Ahrweilers nicht verborgen, was sich im Gebiet um das Marienthal abspielte, doch das war nicht das größte Problem. Das war nämlich die Spionage aus der DDR. Ostberlin war über die Lage des Bunkers und die Fortschritte beim Bau schneller und besser informiert als die Regierung in Bonn. 

Insgesamt kann ich einen Besuch des Museums nur empfehlen, die Führungen dauern etwa anderthalb Stunden. Einen guten Tipp dazu: warm anziehen! Im Bunker herrschen Tag und Nacht, Sommer und Winter, konstant 12°C. Wegen der Champignons. 

 

(Auf diesem Blog gibt’s viele Fotos und anderes zum Bunker)