Der Krieg aller Kriege VIII Samstag, Jun 18 2011 

– Der Westfälische Friede

Ab 1642 kamen die Gesandten aller am Krieg beteiligten Parteien an den Kongressorten zusammen, um endlich Frieden zu schließen. In Münster und Osnabrück sollte also der Krieg ein für allemal beendet werden. In Münster verhandelte der Kaiser mit den Franzosen, in Osnabrück der Kaiser mit Schweden. Ferdinand III. wollte verhindern, dass die Reichsfürsten und -städte selber Gesandte nach Westfalen schicken, was ihm aber nicht gelang. Schließlich musste er akzeptieren, dass nicht der Gesandte des Kaisers allein mit den auswärtigen Mächten verhandelt, sondern dass er die Fürsten des Reichs im Rücken hatte.

Der Friedenskongress war etwas bisher nie da gewesenes, noch nie hatten sich alle Kriegsparteien zusammengesetzt und versucht, Frieden zu schließen. Da verwundert’s nicht, dass es allereli Probleme mit dem Protokoll gab. Selbst solche Kleinigkeiten, wie die Anrede der Gesandten, war eine Herausforderung. Die Franzosen erkannten Ferdinand beispielsweise nicht als Kaiser an, weil ihrer Auffassung nach die Wahl Ferdinands nicht rechtens war – denn der Kurfürst von der Pfalz hatte ja nicht mitgestimmt; seine Kurwürde hatte Maximilian von Bayern – nach französischer Auffassung widerrechtlich – erhalten. Für die französischen Gesandten war Ferdinand nicht Kaiser, sondern bloß König von Ungarn, sodass die Botschafter Richelieus zunächst nur über Dritte mit den Gesandten des ungarischen Königs Kaisers redeten.

Aber wenigstens redete man überhaupt!

Eigentlich sollte sowohl in Osnabrück wie auch in Münster nicht direkt miteinander verhandelt werden, sondern über Mediatoren. In Münster übernahmen Botschafter aus Venedig und dem Vatikan die Leitung der Verhandlungen zwischen den Franzosen, den Reichsständen und dem Kaiser – denn es war ja konfessionell getrennt: in Münster das katholische Frankreich mit dem katholischen Kaiser hatte katholische Mediatoren. In Osnabrück sollte eigentlich das protestantische Dänemark diese Mediatorenrolle übernehmen, aber das protestantische Schweden weigerte sich, die dänischen Vertreter auch nur mit den Fußsohlen anzugucken. Schweden führte nämlich gerade Krieg gegen Dänemark. Es ging – mal wieder – um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Also verhandelte man in Osnabrück ohne Mediator und direkt miteinander.

Währenddessen ging der Krieg unvermindert weiter. Osnabrück, Münster und die Verbindungsstraßen dazwischen waren neutral, dort durfte sich kein Soldat aufhalten. Alle Botschafter zögerten die Verhandlungen gerne heraus, weil sie hofften, dass das Kriegsglück sich noch wenden würde und man so eine bessere Ausgangsposition haben könnte und dementsprechend höhere Forderungen an den Feind stellen dürfte.

Was wollten die einzelnen Parteien überhaupt?

Fangen wir an mit Schweden. Schweden wollte vor allem einen ehrenvollen Frieden, bei dem Königin Christina nicht absolut blamiert darsteht. Der schwedische Reichskanzler Oxenstierna, dessen Sohn in Osnabrück die schwedische Delegation anführte, forderte finanzielle Entschädigung für die Armee und Gebiete in Norddeutschland. Besonders die Bistümer Bremen und Verden, Vorpommern und die Stadt Wismar wollte man gern haben.

Die Reichsfürsten, ob katholisch oder protestantisch, wollten vor allem den Ausgleich zwischen den Konfessionen und die Macht des Kaisers beschneiden, damit dieser nicht wieder so viel Unfug anstellen könne. Die Reichsstände wollten im Reich ein gehöriges Wort mitreden können.

Die Niederlande wollten ihre Unabhängigkeit festschreiben und von Spanien hochoffiziell anerkennen lassen.

Frankreich wollte um jeden Preis die Einklammerung von Habsburgern verhindern. Die Franzosen forderten, dass die Habsburger im Reich kein Bündnis mehr mit den Habsburgern in Spanien eingehen dürfen. Der Kaiser sollte den Reichsfürsten erlauben, sich wieder Bündnispartner im Ausland suchen zu dürfen (was durch den Prager Frieden ja verboten worden war). Damit wollten die Franzosen sich die Möglichkeit offen halten, notfalls eine antihabsburgische Allianz im Reich gründen zu können, damit man wenigstens den Kaiser beschäftigen könnte, falls es gegen die Spanier geht. Außerdem wollte Frankreich die Bistümer Verdun, Toul und Metz und den ganzen habsburgischen Besitz im Elsass haben, sowie die Vogtei (also die Rechtssprechung im weitesten Sinn) über zehn elsässische Reichsstädte. Die Gebiete hätte man gerne als Reichslehen bekommen, womit Frankreich mit Sitz und Stimme im Reichstag vertreten gewesen wäre und in der Reichspolitik ordentlich hätte mitmischen können.

Der Kaiser wollte nun unbedingt Frankreich aus dem Reich halten und das Reich nicht auseinanderfallen lassen. Vielen Forderungen musste er nachgeben.

Schweden erhielt genau das, was es auch gefordert hatte, nämlich Geld, Wismar, die Bistümer Bremen und Verden und Vorpommern samt Rügen und der Odermündung. Sie waren damit glücklich.

Die Niederlande bekamen ihre Unabhängigkeit von Spanien und schauten nun skeptisch nach Frankreich, das mit Spanien im Krieg war. Die Spanischen Niederlande (etwa das heutige Belgien) blieben bei Spanien und Frankreich hätte dieses Gebiet gerne gehabt und so eine direkte Grenze mit den nun unabhängigen Niederlanden gehabt. Doch den Holländern gefiel der inzwischen ziemlich schwache Pufferstaat zwischen ihnen und den übermächtigen Franzosen, weswegen man sich rasch mit Spanien einigen konnte. Im Windschatten der Niederlande schlüpften auch die Schweizer aus dem Reich hinaus und wurden unabhängig.

Frankreich war der größte Absahner auf dem Kongress. Verdun, Metz und Toul wurden französisch, den Sundgau (das liegt zwischen dem Elsass und der schweizerischen Grenze) habsburgischen Elsassbesitz auch und die Vogtei über die zehn Reichsstädte bekamen sie auch, sowie die rechtsrheinische Stadt Breisach bei Freiburg und die Festung Phillipsburg bei Speyer. Allerdings bekamen sie die Gebiete nicht als Reichslehen, sondern als souveräne Territorien, womit’s mit der Reichsstandschaft essig war. Der Kaiser und der spanische König mussten auf Bündnisse verzichten, was beide vernünftig akzeptierten.

Das Reich mit seinen Territorien und abgetretenen Gebieten. Schweden im Norden bekam seine Gebiete als Reichslehen und war – ebenso wie Dänemark – mit Sitz und Stimme auf dem Reichstag vertreten. Klicken für größere Karte.

Die Reichsstände durften dafür wieder Bündnisse eingehen, wie sie wollten, solange sie sich nicht gegen das Reich richteten. Und noch mehr! Das ständige Gerangel um die Konfession wurde endlich beigelegt. Als Normaljahr wurde 1624 festgelegt. Alle Klöster, die danach aufgelöst worden waren, mussten wieder hergestellt werden. Das galt für das ganze Reich, aber nicht für Böhmen. 1624 war für alle Beteiligten Annehmbar, denn es lag nach der Niederschlagung des Aufstands in Böhmen, aber vor dem Restitutionsedikt. Damit war der Grundsatz cuius regio, eius religio hinfällig, denn man hatte den Zustand von 1624 festgebacken und an dem durfte niemand mehr rütteln. Die Landesherren konnten nicht mehr einfach so nach gutdünken über die Religion ihrer Untertanen bestimmen. Die Calvinisten wurden endlich als protestantische Glaubensgemeinschaft offiziell anerkannt

Außerdem wurden alle Institutionen des Reiches paritätisch besetzt. Das bedeutet, dass überall genauso viele Protestanten wie Katholiken vorhanden sein mussten. In Reichsstädten wie Augsburg, wo Protestanten und Katholiken etwa gleich stark vertreten waren, wurde der Rat ebenso aufgeteilt.

Die Kurpfalz wurde wieder hergestellt! Aber Maximilan von Bayern weigerte sich, die pfälzische Kurwürde wieder rauszurücken, weswegen eine neue, eine achte Kurwürde eingerichtet wurde, die der Sohn des Winterkönigs, Karl Ludwig, bekam. Damit gab es nun acht Kurfürsten im Reich.

Insgesamt war der Westfälische Friede der Startschuss für das moderne Völkerrecht. Politikwissenschaftler sprechen von den internationalen Beziehungen zwischen Staaten heutzutage immer noch vom ‚Westphalian System‘, denn in Münster und Osnabrück sprachen zum ersten Mal Staaten auf Augenhöhe miteinander. Staaten, wie wir sie immer noch kennen.

Die Unterzeichnung des Friedens von Münster. Klicken für größeres Bild.

1648 war es also endlich geschafft, die Friedensschlüsse von Münster und Osnabrück wurden unterzeichnet. Im ganzen Reich war die Freude groß, überall läuteten die Kirchenglocken, als das Ende eines Krieges bekannt gegeben wurde, von dem viele schon gar nicht mehr glaubten, dass er überhaupt mal enden würde. Der Frieden sollte für die Ewigkeit halten (was 40 Jahre lang auch ganz gut klappte) nach diesen dreißig Jahren Krieg.

1648 endete das, was 1618 in Prag anfing und sich zum schlimmsten Krieg entwickelte, den man sich damals vorstellen konnte. Nach dreißig Jahren endete endlich für die Zeitgenossen der Krieg aller Kriege.

Der Krieg aller Kriege VII Donnerstag, Jun 9 2011 

– Der Prager Friede

Nach dem Tod des Schwedenkönigs übernahm der schwedische Reichskanzler Oxenstierna die Führung der Armee und versuchte, den Krieg für Schweden weiter günstig laufen zu lassen. Die Chancen standen nicht schlecht, denn mit Wallenstein fehlte der kaiserlichen Armee ihr fähigster Heerführer und nun musste sich der Kaiser mehr oder weniger auf die Liga stützen.

Allerdings lief es für die Schweden alles andere als gut, denn ihr Bündnis mit den protestantischen Fürsten begann zu bröckeln. Besonders bockig verhielt sich Sachsen, das im Bund die Führung der protestantischen Reichsstände beanspruchte, was den Schweden weniger lieb war; man wollte selber das Sagen haben. So kam es, dass die Verbündeten langsam entfremdeten. Das kaisertreue Sachsen näherte sich wieder an den Kaiser an, stieg aus dem Bündnis mit Schweden aus – und schloss mit dem Kaier Frieden! 1635 unterzeichneten der Kaiser und der Kurfürst von Sachsen den Frieden von Prag, dem alle anderen Fürsten des Reiches beitreten konnten (was im Laufe der Zeit auch fast alle taten).

Ziel und Hoffnung des Kaisers war es, alle Fürsten des Reichs, ob protestantisch oder katholisch, wieder zu einen und die schwedischen Truppen und die französischen Soldaten (die inzwischen auch Krieg führten, aber dazu gleich mehr) aus dem Reich zu drängen und so Frieden zu schaffen. Um die Bedingungen für alle betroffenen Fürsten akzeptabel zu machen, einigte man sich auf ein Normaljahr, nämlich 1627. Alle religiösen Änderungen in den Gebieten und alle Kirchengüter, die bis 1627 eingezogen wurden, durften so bestehen bleiben. Alles, was seit 1627 geändert wurde, musste wieder auf den stand von 1627 gebracht werden.

Diese Aussichten waren für die allermeisten Fürsten annehmbar und sie traten dem Frieden bei. Alle Truppen der Fürsten sollten zu einer einzigen Reichsarmee zusammen gelegt werden, die dann formal dem Kaiser unterstand. Und damit sich die Fürsten nicht bei der nächstbesten Gelegenheit wieder aus dem Bund mit dem Kaiser lösten und sich dem König von Frankreich oder Schweden um den Hals warfen, wurde allen Fürsten verboten, Bündnisse einzugehen. Weder mit ausländischen Mächten – womit Schwedens Bündnis zusamenfiel wie ein Kartenhaus – noch untereinander. Damit war auch die Katholische Liga Geschichte.

Allein geholfen hatte es wenig. Während man gegen die Schweden ein paar Erfolge feiern konnte, machten die Franzosen mehr Druck. Frankreich befand sich schon seit iniger Zeit mit Spanien im Krieg. In Paris fürchtete man, irgendwann von Habsburgern umzingelt zu sein: Spanien im Süden, im Osten das Reich und der Kaiser und im Norden die Spanischen Niederlande. Dass der Kaiser den Reichsfürsten verboten hatte, mit ausländischen Mächten Bündnisse zu schließen, traf Frankreich schwer, verschärfte da doch ihre Lage in der Habsburgklammer.

Der König von Frankreich hatte einen hervorragenden Staatsminister, nämlich Kardinal Richelieu. Richelieu wusste genau, was zu tun war: man musste Schweden davon abhalten, aus dem Krieg auszusteigen.

Kardinal Richelieu (links, rechts und mitte)

Dazu musste Schweden irgendwie in ein Bündnis mit Frankreich gebracht werden. Und da half das liebe Geld. Schweden war seit so ziemlich immer pleite und konnte sich nur durch Kontributionen aus den besetzten Gebieten über Wasser halten. Der Vormarsch der Reichstruppen verkleinerte das potentiell auspressbare Gebiet und damit die Möglichkeit, eine schlagkräftige Armee zu unterhalten. Frankreich lockte die Schweden also mit Geld in ein Bündnis.

Das protestantische Schweden im Bund mit dem katholischen Frankreich kämpfen gegen den katholischen König von Spanien, den katholischen Kaiser und seine katholischen und protestantischen Reichsfürsten – wir sehen, um Religion ging es schon lange nicht mehr.

Die Franzosen bekämpften besonders die Spanier, die über die sogenannte Spanische Straße in die Niederlande marschierten, um die abtrünnigen Holländer zu bekämpfen. Eigentlich hatte sich Spanien schon mit der Abspaltung der Niederlande abgefunden und war theoretisch auch bereit, deren Unabhängigkeit anzuerkennen. Was man aber in Madrid gar nicht gerne sah, waren die Kaperfahrten, die niederländische Schiffe in der Karibik durchführten. Im Zuge dessen verlor Spanien Schiffsladungen von Gold und Silber, die für ein ganzes Jahr hätten reichen müssen.

Die Spanische Straße. Orange und violett sind die Besitzungen der spanischen Habsburger, grün sind die Besitztümer des Kaisers.

Der Krieg hatte sich im Grunde festgefahren, keine Seite konnte seine Ansprüche allein durch Soldaten durchsetzen. Richelieu verlangte für Frankreich Gebiete im Elsass und Bündnisfreiheit für die Reichsfürsten, Oxenstierna verlangte für Schweden einen ehrenvollen Frieden, das bedeutet, Geld für den Unterhalt der Armee und Gebiete im Norden des Reiches, am liebsten an der Ostseeküste. Der Kaiser wollte unterdessen nur Einzelfrieden mit den Schweden und Franzosen schließen, keinen gemeinsamen, der alle drei Kriegsparteien umfasst.

1637 starb Kaiser Ferdinand II. und sein Sohn, Ferdinand III., folgte ihm auf den Thron. Geändert an der Situation hat es nichts.

Vier Jahre später schlossen die drei Parteien in Hamburg einen Vertrag, dass man bald Friedensverhandlungen einberufen sollte. Hier konnte sich Richelieu durchsetzen, der einen Friedenskongress für alle beteiligten Fürsten wollte, auch für die einzelnen Reichsfürsten, was der Kaiser den Fürsten aber verbieten wollte. Der Kongress sollte nach Konfessionen getrennt ablaufen und als Verhandlungsort wurden zwei Städte samt ihrer Verbindungsstraßen als neutrale Zone vereinbart, die nicht angegriffen werden durfte. An anderen Orten ging der Krieg weiter, als sei nichts gewesen.

Ab 1642 traf man sich zu Friedensverhandlungen in Westfalen. In Münster und in Osnabrück.

Der Krieg aller Kriege II Sonntag, Mai 22 2011 

– Konflikte an allen Grenzen

Das, was im Heiligen Römischen Reich also um 1600 vorherrschte, war ein System, das zwar ein wenig funktionierte, aber nicht sonderlich stabil war. Mit dem Tod des sächsischen Kurfürsten verschlechterte sich die Lage noch ein wenig, denn sein Nachfolger kam der Kurpfalz näher – und weil Kursachsen das vornehmste protestantische Fürstentum war, kamen in dessen Windschatten auch andere protestantische Fürsten in die Nähe der Kurpfalz, die sich über so viel Unterstützung sichtlich freuen konnte. Sachsen, das zuvor versuchte, mit dem Kaiser in Wien einen Ausgleich zu bekommen, jetzt Hand in Hand mit den keifenden Pfälzern? Das machte die Lage im Reich nicht unbedingt stabiler. Als Sachsen schließlich wieder zur konstruktiven Politik zurückging, blieb die Lage angeknackst, denn eine ganze Reihe protestantischer Fürsten blieben auf der Seite der Kurpfalz.

Die verschiedenen Reichsinsitutionen fingen an, zu versagen. Gerichte, Räte usw. waren paritätisch besetzt, das heißt, dass in den Gremien ebenso viele Katholiken wie Protestanten saßen. Teilweise erkannten katholische Gesandte ihre protestantischen Kollegen nicht an, was die gesamte Institution lahmlegte. Beide Konfessionen saßen sich misstrauisch gegenüber. Die protestantischen Stände gründeten ein Schutzbündnis, die Protestantische Union unter der Führung der Kurpfalz, um sich gegen etwaige Angriffe der katholischen Fürsten wehren zu können. Auf der anderen Seite gründeten die katholischen Fürsten die Katholische Liga, die von Bayern angeführt wurde. Kurpfalz gegen Bayern also, das war schon deswegen brisant, weil die Bayern so gerne Kurfürsten werden wollten – und Anspruch auf die Kurwürde der Pfalz erhoben. Willkommen im Pulverfass.

Immerhin konnte keines der Bündnisse die vornehmsten Mächte ihrer Konfession für sich gewinnen; Sachsen blieb der Union fern und der Kaiser und sein habsburgisches Haus traten nicht der Liga bei.

Aber genug von der Innenpolitik, denn auch um das Reich drumrum tat sich einiges. Im Grunde genommen gab es Zoff an allen Grenzen, fangen wir im Norden an. Dort lag Dänemark, was später noch wichtig werden wird. Der König von Dänemark war ein Fürst des Reiches, denn er war Herzog von Holstein und das war ein Teil des Reiches. Aber dazu später mehr, heute noch nicht. Dänemark war eine Macht, die im Ostseeraum um die Vorherrschaft kämpfte und hatte einen riesigen Vorteil: Dänemark kontrollierte den Zugang von der Nord- in die Ostsee und konnte von allen Handelsschiffen, die vom einen ins andere Meer wollten, Zölle verlangen, was ein einträgliches Geschäft war.

Etwas weiter nördlich von Dänemark war das Königreich Schweden, das auch gerne den Ostseeraum beherrschen würde. Aber es gab ein paar Verzwickungen mit Polen. Das Königreich Polen war – wie das Reich auch – eine Wahlmonarchie, das heißt, der König von Polen wurde von polnischen Fürsten gewählt. Der momentane polnische König stammte aus dem Haus Wasa, das auch die schwedischen Könige stellte. Als König von Polen musste man katholisch sein, die Schweden waren aber Protestanten. Als der Polenkönig nun auch Schwedenkönig werden sollte, gab es im Land der Elche einiges Murren. Als zögerlich der Katholizismus im protestantischen Schweden gefördert werden sollte, platzte den schwedischen Adligen die Hutschnur, sie setzten den in Polen residierenden König ab und setzten einen eigenen (auch aus dem Haus Wasa stammenden) König ein. Das war im Jahr 1600. Er und sein Nachfolger Gustav Adolf, der ab 1611 regierte, reformierten Schweden und bauten ein schlagkräftiges Militärwesen auf und führten Krieg in Polen. Und Russland. Und das so erfolgreich, dass die Schweden so viel Gebiet eroberten, dass Russland keinen Zugang zur Ostsee mehr besaß. Um den schwedischen Anspruch als Ostseegroßmacht durchzusetzen, hätte Stockholm gerne ein paar Gebiete an der Südküste der Ostsee gehabt und schielte dabei auf Pommern. Pommern, das war ein Teil vom Reich.

Im Südosten des Reiches stand es nicht besser, denn der Türke war da. Der gesamte Balkan und fast ganz Ungarn war in der Hand des Osmanischesn Reiches und die Türken schickten sich an, mehr Gebiete zu erobern. Und das  so nah an der Reichsgrenze! Die Habsburger, deren Erblande in Österreich unmittelbar bedroht waren, machten im Reich allerlei Zugeständnisse, damit die Fürsten auf dem Reichstag Steuern bewilligen, um Truppen gegen die Türken zu unterhalten.

Wenden wir uns dem Westen zu. In Frankreich rumorte es heftig, weil die Hugenotten, die französischen Protestanten, mit den Katholiken alles andere als friedlich zusammen lebten. In den Hugenottenkriegen wurden die Hugenotten Stück für Stück aus Frankreich gedrängt. Dass protestantische Reichsfürsten in diesem Konflikt offen Partei ergriffen (ich schaue dich an, Kurpfalz), machte die Lage im Reich nicht stabiler. Aber damit nicht genug!

Denn es gab ja noch die Niederlande. Formal waren sie noch ein Bestandteil des Reiches und gehörten zu Spanien – Spanien wurde von einem Habsburger regiert. Und die Spanier schickten fleißig Truppen in die Niederlande, um den dortigen protestantischen Aufstand niederzuschlagen. Wenn man sich mal so eine Karte anguckt: Spanien, Niederlande – da liegt ja einiges an Gebiet dazwischen! Deswegen mussten die spanischen Truppen durch das halbe Reich marschieren, um in die Niederlande zu gelangen. Sie hätten ja auch durch Frankreich marschieren können, schließlich sind Frankreich und Spanien doch beide katholisch und der Protestant als solcher ist ja mehr so Feind. Falsch, denn wenn Frankreich eine Sache mehr hasste als Protestanten, dann waren’s die Habsburger. Und jede Schwächung der Habsburger – ob in Spanien oder im Reich mit dem habsburgischen Kaiser an der Spitze – war gut. Umso nervöser schaute man in Frankreich nach Norditalien, denn die Franzosen hatten großes Interesse daran, ein Stück von italienischen Kuchen abzubekommen. Im Moment war Norditalien (was zu Spanien gehörte, um die Verwirrung komplett zu machen) allerdings Aufmarschgebiet für spanische Truppen. Und das tat Paris recht missfallen.

Die Einigung Italiens Sonntag, Feb 27 2011 

– Il Risorgimento

Italien ging’s im 19. Jahrhundert ähnlich wie Deutschland; auch das stiefelförmige Land war in viele unabhängige Territorien zersplittert.

Italien im 19. Jahrhundert. Im Süden Bourbonen, im Norden Habsburger. Nur im Westen Italiener. Klicken zum Vergrößern.

Doch die Italiener hatten es ungleich schwerer, denn beinahe der gesamte Norden Italiens stand unter der Fuchtel der Habsburger und damit unter der Kontrolle Österreichs. Das Königreich beider Sizilien wurde von den Bourbonen regiert, einer ursprünglich aus Frankreich stammenden Dynastie. Im Zentrum Italiens lag der Kirchenstaat, das Gebiet des Papstes. Echt italienisch beherrscht wurde im Grunde nur das Königreich Piemont-Sardinien.

1848, als es in ganz Europa rumorte und zu Aufständen und Forderungen nach Nationalstaaten und Republik kam, begehrte auch das Volk in Italien auf. Der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mischte ordentlich mit, wollte zusammen mit seinen Mitstreitern eine geeinte, italienische Republik schaffen. Doch die republikanischen Bestrebungen in Italien wurden von Frankreich und Österreich niedergewalzt, der Held Garibaldi musste sich zurückziehen.

Giuseppe Garibaldi. Er wird gleich noch eine Rolle spielen.

In weiten Teilen Italiens machte sich Resignation breit, nur im Königreich Piemont-Sardinien nicht. Dort tüftelte der Ministerpräsident Graf Camillo Benso di Cavour an einem Plan, seinem König mehr Einfluss zu verschaffen. Zunächst versuchte er das, was in Italien schon etliche Male zuvor gemacht wurde, man wollte eine fremde Macht mit der Hilfe einer anderen vertreiben. In diesem Falle setzte Cavour auf Frankreich, mit dessen Hilfe Österreich aus Norditalien vertrieben werden wollte. Traditionell verhielt es sich so, dass der ganze Spaß nach hinten losging, Frankreich und Österreich gemeinsame Sache machten und den italienischen Kuchen unter sich aufteilten.

Graf Camillo Benso di Cavour, Ministerpräsident des Königreiches Piemont-Sardinien

Ähnlich auch dieses Mal. Frankreich half Piemont-Sardinien natürlich nicht aus Selbstlosigkeit, sondern forderte an Frankreich grenzende Gebiete. König Viktor Emanuel war bereit, seinen Teil der Abmachung zu erfüllen, die Franzosen dagegen eher weniger. Obwohl der Feldzug für Viktor Emanuel und seinen französischen Verbündeten gut lief, schloss Frankreich 1859 wie aus heiterem Himmel Frieden mit Österreich. Zähneknirschend nahm Viktor Emanuel den Frieden an, der Piemont-Sardinien Mailand und die ganze restliche Lombardei einbrachte. Venetien hingegen blieb bei Österreich. Trotz dieses aus italienischer Sicht eher unbefriedigenden Ergebnisses forderte Frankreich seine Gebiete ein und erhielt Savoyen und Nizza, die vorher zu Piemont-Sardinien gehörten.

Ministerpräsident Cavour hatte jedoch noch ein Ass im Ärmel und knüpfte Kontakte zu den ganzen Freheitskämpfer von 1848. Überall in Italien plädiert man für einen Anschluss an Piemont-Sardinien, sodass flugs beinahe ganz Nord- und Mittelitalien geeint unter König Viktor Emanuel stand. Frankreich traute sich nicht, zu intervenieren, denn in Paris fürchtete man den Konflikt mit Österreich. Wien wollte auch keine Truppen nach Italien schicken, denn man fürchtete die Reaktion Frankreichs. Zum ersten Mal ergriffen die Italiener die Initiative ohne Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen – und schon funktioniert’s!

Der beim Volk sehr beliebte Garibaldi war wenig angetan davon, dass Cavour seine Geburtsstadt Nizza so leichtfertig den Franzosen überlassen hatte und versuchte in der Frage nach der italienischen Nation den Monarchisten um Cavour ein Schnippchen zu schlagen. Mit tausend Mann setzte er 1860 nach Sizilien über, eroberte rasch Palermo und marschierte zurück aufs Festland auf Neapel zu, wo die bourbonischen Könige residierten. Die Bevölkerung feierte Garibaldi als Befreier von der bourbonischen Gewaltherrschaft.

Die kleinen Bauern in Süditalien begannen, das Land unter sich aufzuteilen und verärgerten so die Großgrundbesitzer, die sich flehend an Viktor Emanuel wandten. Von einem sardinischen König beherrscht zu werden war dann doch verlockender, als in einer von einem ex-Piraten geführten Republik voll revolutionärer Bauern zu leben. Viktor Emanuel kam der Bitte nach, kassierte das ehemalige Königreich beider Sizilien und Garibaldi zog sich abermals zurück – auf eine Insel bei Sardinien, auf der er begann, seine Memoiren zu schreiben.

1861 ist das Königreich Italien geboren, jedoch fehlten noch Venetien, was österreichisch war, und ein großer Teil des Kirchenstaates und damit Rom. Die vorläufige Hauptstadt war erstmal Turin, wo sich Viktor Emanuel, der erste König Italiens, aufhielt.

König Viktor Emanuel

1866 schloss das neue Königreich Italien ein Bündnis mit dem Königreich Preußen. Beide wollen Österreich schwächen. Preußen, um die Vorherrschaft im deutschsprachigen Raum endgültig zu erlangen und Italien, um Venetien zu erobern. Im gleichen Jahr kam es zum Krieg zwischen Preußen und Österreich und Italien fackelte nicht lange und erklärte dem Habsburgerreich ebenfalls den Krieg. Österreich unterlag den beiden Königreichen und während Preußen auf Gebietsabtretungen verzichtete, verlor Österreich Venetien an Italien. Damit war die Einigung Italiens fast komplett, fehlte nur noch der Kirchenstaat.

Der Papst und sein Gebiet wurden von französischen Truppen beschützt. 1870 war es dann wieder ein von Preußen geführter Krieg, in dessen Windschatten die Einheit Italiens voranschreiten konnte. Nach Stänkereien und Provokationen erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Preußen scharte alle anderen deutschen Länder um sich und marschierte recht mühelos durch Frankreich. Um nicht völlig überrannt zu werden, zog Frankreich seine Truppen aus dem Kirchenstaat Hals über Kopf ab. Das Gebiet des Papstes stand nun schutzlos da, sodass es für Italien ein Leichtes war, auch den letzten Rest auf der Halbinsel Italien einzuverleiben und Rom, die Hauptstadt des antiken Römischen Reiches, zur Hauptstadt des Königreichs zu machen.

Die Päpste, die ich rief Samstag, Feb 19 2011 

– Das große abendländische Schisma

1305 freute sich der französische König Philipp IV., denn es wurde mit Clemens V. ein neuer Papst gewählt, der selbst Franzose war und dem König wesentlich freundlicher gestimmt war als sein Vorvorgänger. Philipp konnte zufrieden sein, dass in Rom nun jemand saß, der ihm weder ins Handwerk pfuschte noch ihm widersprach. Stattdessen legte sich Papst Clemens mit den mächtigen Adelsfamilien der Stadt Rom an und verließ schließlich 1309 die ewige Stadt. Er ging nach Avignon und nahm den Sitz der ganzen Kurie der EInfachheit halber gleich mit in die französische Stadt. In den folgenden Jahren blieben die Päpste einfach in Avignon. Es wurden zunehmend Franzosen zu Kardinälen gekürt und einen schmucken Palast bekamen die avignonesischen Päpste auch noch. Die nächsten sechs Päpste waren allesamt französisch.

Papst Gregor XI. kehrt nach Rom zurück. Ein Fresko aus dem 16. Jahrhundert.

1377 kehrte Papst Gregor XI. wieder nach Rom zurück, bereits ein Jahr später starb er. Es musste also ein neuer Papst gewählt werden. Das Kardinalskollegium wählte Urban VI., der kein Freund der französischen Kardinäle war. Jene wählten ihrerseits nun einen eigenen Papst, Clemens VII., einen Gegenpapst. Nun gab es zwei Päpste, Urban saß in Rom und Clemens in Avignon. Zwei Päpste auf einmal zu haben, war nichts allzu ungewöhnliches, schließlich gab es bis dato schon öfters einen Gegenpapst zum Papst. Doch in diesen Fällen waren die Gegenpäpste von weltlichen Herrschern (meist dem Kaiser, der jemanden brauchte, der ihn krönen konnte) eingesetzt, diesmal herrschte jedoch Uneinigkeit bei den Kardinälen. Und diese sollten doch eigentlich, beseelt vom Heiligen Geist, den einzig Richtigen zum Papst wählen. Die Christenheit war deswegen einigermaßen verwirrt, welcher Papst denn nun der Papst sei.

Clemens wurde unter anderem von den spanischen Königreichen und - natürlich - Frankreich unterstützt, Urban von England und dem Kaiser und Polen. Einige andere Fürsten, wie die im Süden und Westen des Heiligen Römischen Reiches, schlugen sich später auf die Seite Urbans. Für ein größeres Bild: Draufklicken!

Über dreißig Jahre lang wählte man sich in Rom und Avignon einen eigenen Papst nach dem anderen. In Europa kamen Stimmen auf, die das Papsttum ganz allgemein anzweifelten und auf Reformbedarf der Kirche hinwiesen. Der Nährboden für die Reformation wurde gelegt. 1409 wollte man diese unwürdige Scharade endlich beenden. Auf dem Konzil von Pisa sollte eine Einigung gefunden werden. Die beiden Päpste in Rom und Avignon wurden für abgesetzt erklärt, man wählte mit Alexander V. einen neuen Papst und damit hätte sich die Sache erledigt gehabt, doch weder der Papst in Rom noch sein Gegenpart in Avignon akzeptierten ihre Absetzung und blieben auf ihren heiligen Stühlen. Das Konzil, dass das Schisma beenden sollte, verschlimmerte es nur, denn jetzt gab es gleich drei Päpste.

Die Stimmen, die fragten, ob man die Kirche nicht mal eine Reform nötig hätte, wurden immer lauter. In Böhmen machte Johannes Hus auf sich aufmerksam, der den Reformbedarf der Kirche offen anprangerte.

Seit 1411 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, verlor Sigismund allmählich die Geduld ob der päpstlichen Kindereien. Jeder Papst, egal ob Gregor XII. in Rom, Johannes XXIII. in Pisa oder Benedikt XIII. in Avignon, hielt sich für den einzig rechtmäßigen. Der Kaiser setzte den pisanischen Papst Johannes unter Druck; jener solle ein Konzil in Konstanz einberufen, um die Sache ein für alle mal aus der Welt zu schaffen. Johannes eröffnet das Konzil, das Papst Gregor aus Rom sogar anerkannte. Nur Benedikt wollte von dem Konzil nichts wissen.

Sitzung des Konzils von Konstanz

Zunächst glaubte Johannes an eine für ihn günstige Entwicklung, doch die Mitglieder des Konzils gewannen mehr und mehr Selbstvertrauen und bestimmten, dass das Konzil in der Hierarchie noch über dem Papst zu stehen hat. Als Johannes merkte, welches Spiel hier gespielt wurde und dass seine Papstträume bald am Ende sein könnten, floh er Hals über Kopf aus Konstanz, wurde jedoch nur kurze Zeit später wieder eingefangen und zurück zum Konzil geschleift. Das Konzil erklärte den gefangenen Johannes für abgesetzt. Gregor trat freiwillig zurück, Benedikt wurde in Abwesenheit abgesetzt. Nun war der Weg frei für Papstwahlen! Drei Jahre nach dem Beginn des Konzils, also 1417, war das Schisma endlich beendet, der neue Papst hieß Martin V. – doch halt! War er auch der einzige Papst? 

Papst Martin V.

Johannes wurde als Gefangener abgesetzt, Gregor trat freiwillig zurück. Doch Benedikt dachte gar nicht daran, auch nur irgendwas aufzugeben und sah sich weiterhin als einzig rechtmäßigen Papst. Trotzig zog er sich nach Spanien zurück, wo er 1423 starb.

Endlich gab es nur noch einen einzigen Papst, doch das Ansehen des Papsttums hatte stark gelitten. Zwar wurde der Reformator Johannes Hus auf das Konstanzer Konzil geladen und dort gleich auf dem Scheiterhaufen erhitzt, aber die reformatorische Bewegung der Hussiten in Böhmen hielt das nicht auf. Auch an anderen Orten rumorte es, bis 1517 ein kleiner Mönch ein paar Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg nagelte.

Nächste Seite »