Der blinde Ritter Samstag, Jan 22 2011 

– Johann von  Böhmen

Es ist schon ziemlich witzig, wie deutsch das englische Königshaus ist. Nicht nur, dass die englischen Könige und Königinnen im Grunde deutschen Adelshäusern angehören (auch wenn sie sich Windsor nennen), auch der Wahlspruch des englischen Thronfolgers, dem Fürsten von Wales, ist in deutscher Sprache verfasst – weil er geklaut wurde! Und woher?

Johann wurde 1296 geboren und war der Sohn Kaiser Heinrichs VII. des Heiligen Römischen Reiches. Als sein Papa 1308 von den Kurfürsten auf den Thron gehievt wurde, bekam Johann die Grafschaft Luxemburg zugeschanzt. Dank ausreichend Vitamin B herrschte dort nun ein Zwölfjähriger. Kurze Zeit später meldeten sich zahlreiche böhmische Adlige bei Heinrich VII. und taten ihren Unmut über den amtierenden böhmischen König kund. Jener wurde kurzerhand abgesägt und der Kaiser schob 1310 Johann quer durchs Reich und gab ihm Böhmen als Lehen. Der böhmische Adel rang dem jungen König noch weitreichende Zugeständnisse ab; so durften Stellen in Böhmen auch nur von Einheimischen besetzt werden.

Johann von Böhmen

1313 war kein gutes Jahr für Johann. Vater, Mutter und Onkel tot, nun wollte der siebzehnjährige Jungspund selber Kaiser werden. Er bemühte sich bei den Kurfürsten, umsonst. Die wollten nämlich gar keinen starken Mann zum Kaiser machen und entschieden sich für einen Schwächling, Ludwig. Ein Wittelsbacher. Zumindest ein Teil der Kurfürsten, ein paar andere entschieden sich für den Kandidaten des Hauses Habsburg, Friedrich den Schönen. Der hübsche Fritz kabbelte nun mit Ludwig; Johann stand Ludwig dabei zur Seite.

Ludwig der Bayer auf seiner Grabplatte

Währenddessen rumorte es in Böhmen, der Adel verlangte mehr Rechte und Johann knickte ein. Nicht zuletzt, weil die Adligen immer wieder mit Krieg gedroht hatten und ihn abzusägen. Sie drohten, einen Habsburger zu ihrem König zu machen. Zu viel Macht kam Johann in Böhmen nicht mehr, weil er sein Engagement auf die Außenpolitik verlagerte. So versuchte er, seine Ansprüche in Polen durchzusetzen, was immerhin dazu führte, dass er ein paar schlesische Herzöge für sich gewinnen konnte. 1335 gab Johann schließlich alle Ansprüche auf den polnischen Thron auf und beschränkte sich auf Schlesien, das er inzwischen kontrollierte.

Das Heilige Römische Reich im 14. Jahrhundert. Das violette Gebiet ist luxemburgisch. Klicken zum Vergrößern.

Zwei Jahre später erblindete er auf einem Auge. Damit die Blindheit nicht auf das andere, gesunde Auge übersprang, musste Guckorgan entfernt werden. Dazu kam der berühmte Quacksalber Mediziner Guy de Chauliac an den Hof zu Prag und operierte den König. Ergebnis der Scharlatanerie war letztlich, dass Johann auch auf dem anderen Auge erblindete. Dies befähigte ihn dazu, den Beinamen „der Blinde“ zu tragen.

Johann und Ludwig begannen, sich voneinander zu distanzieren. Im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich engagierten sich die beiden Herrscher – Ludwig bei den Engländern, Johann bei den Franzosen. In der Schlacht von Crécy trafen die Franzosen und Johann auf die englische Armee. Johann nahm blind an der Schlacht teil, geführt von seinem Sohn Karl. Die Schlacht lief gut. Für die Engländer. Irgendwann setzte sich Karl von seinem Vater ab und stürzte sich ins Getümmel und auch Johann ritt blindlings in die Schlacht, haute und stach wild umsich und wurde schließlich erschlagen. Kein Wunder, wer blind wie ein Maulwurf ist. Als die Schlacht geschlagen war, stand Edward of Woodstock, der Sohn des englischen Königs und Fürst und Wales, ehrfürchtig vor dem erschlagenen Johann und war sichtlich angetan von dessen Mut. Aus Bewunderung übernahm Edward Johanns deutschen Wahlspruch und machte ihn zum Bestandteil des Wappenzeichens der Fürsten von Wales: Ich dien.

Wappenzeichen des Fürsten von Wales

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Frauen verboten! Dienstag, Sep 14 2010 

– Englands Anspruch auf Frankreich

Die Russen hatten ihre Katharina, die Österreicher ihre Maria Theresia, die Spanier ihre Isabella und die Engländer ihre Elisabeth. Und der rechtmäßige König von Frankreich saß in London. „Wäh? Was erzählt der da? Worauf will er hinaus?“, höre ich euch unken. Ich werde euch eine Antwort auf die Frage geben, die ihr nie gestellt habt.

Zuerst, weil’s mir so viel Spaß macht, nochmal ein bisschen Heraldik. Jeder kennt die französische Flagge, die Trikolore. Aber kaum einer weiß, welches Banner die Franzosen vor der Zeit der Trikolore, also vor der Französischen Revolution, gehisst haben. Es war das Wappen des Königs. Nämlich:

Schaut man sich jetzt das Wappen des mittelalterlichen Englands an, sieht man auf diesem nicht nur die berühmten drei goldenen Löwen auf rotem Grund, sondern auch:

Die französischen Lilien! Was machen die denn im englischen Wappen?

Ganz einfach. Beziehungsweise nicht. Wir befinden uns im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Karl der Schöne, König von Frankreich, ist gerade gestorben und jetzt geht’s darum, wer nun auf den französischen Thron kommt. Ansprüche erhebt da Eduard III., seines Zeichens König von England. Er ist der Sohn von Isabella von Frankreich, die wiederum eine Schwester Karls des Schönen ist.

Philipp der Schöne von Frankreich war Eduards Großvater und hatte drei Söhne, die alle Könige von Frankreich waren, aber alle höchstens sechs Jahre lang regierten. Philipps Tochter Isabella hatte nun Eduard als Sohn.

An dieser Stelle wäre es sinnvoll gewesen, Eddie zum König von Frankreich zu krönen, schließlich stammt er aus der direkten Linie der französischen Könige. Doch es kam anders.

Denn die Franzosen wollten um jeden Preis verhindern, dass der englische König auch französischer König wird und machten Philipp VI. zum König. Dessen Vater war der jüngere Bruder von Philipp dem Schönen. Statt also den direkten Weg zu nehmen, machte man jemanden aus einer Seitenlinie des Königshauses zum König von Frankreich. Als Begründung dafür dachte man sich etwas aus; man konnte das ja schlecht damit begründen, dass man keinen von der Insel als König wolle. Die Lösung nannte sich lex salica, ein uraltes Stammesrecht aus der Zeit noch vor Karl dem Großen. Dieses Recht besagt, dass nur männliche Nachkommen die Krone erben konnten und auuch nur männliche Nachkommen aus der männlichen Linie. Frauen durften in Frankreich also niemals Königinnen werden und regieren.

Und da Eduard nur über seine Mutter mit dem französischen König verwandt war, konnte er die Krone nicht haben. Das tat dem King natürlich arg missfallen, dass 1328 nun Philipp VI. gekrönt wurde und nicht er. Dennoch erhob er Anspruch auf den französischen Thron und wob diesen Anspruch in sein Wappen ein. Deswegen befinden sich die französischen Lilien im englischen Wappen.

Auch in der Titulatur des Königs macht sich der Anspruch bemerkbar; der König von England nannten sich auch einfach mal König von Frankreich:

By the Grace of God, King of England and France […]

Den Anspruch auf den französischen Thron legten die englischen Könige erst 1801 wieder ab.

 

Nachtrag: Karl der Schöne ist natürlich König von Frankreich, nicht von England gewesen. Hab‘ das mal korrigiert; danke für den Hinweis.

Eine kleine Flaggenlehre Donnerstag, Sep 2 2010 

– Deutschlands Fahnen

Dürfte allgemein bekannt sein, ja? Unsere Fahne. Wäre doch mal ganz interessant zu erfahren, woher die schwarzrotgoldene Trikolore eigentlich kommt.

Nicht erst seit 1949, also seit Gründung der Bundesrepublik, sind das die Nationalfarben. Auch in der Weimarer Republik (1919 – 1933) war Schwarzrotgold die Fahne. Von den Nationalsozialisten wurden die Farben als Schwarz-Rot-Senf verlacht; sie änderten 1933 die Farben der Fahne wieder und machten die Farben des Kaiserreichs zur Staatsflagge.

1935 wurde die Fahne nochmals geändert, die Farben aber beibehalten. Statt Schwarzweißrot hatte die neue Fahne ein schwarzes Hakenkreuz im weißen Kreis auf rotem Grund. Ich weiß nicht, ob ich das Hakenkreuz hier zeigen darf oder ob ich dann in den Genuss verfassungsrechtlicher Überwachung komme, deswegen verlinke ich die Wollhandkrabbe mal einfach hier. Nicht, dass sonst noch jemand angekrochen kommt und meint, er müsse sich darüber empören, ein Hakenkreuz gesehen zu haben.

Wie dem auch sei, die Weimarer Republik hatte nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg das Kaiserreich beerbt, das ebenjene schwarzweißrote Fahne gehabt hatte. Diese Fahne setzt sich zu sammen aus schwarz und weiß, den Farben Preußens und der weißroten Flagge der Hanse.

Vor dem Kaiserreich gab es überhaupt keine Klammer, die die deutschen Staaten umfasste. Das Heilige Römische Reich war 1806 untergegangen. Das gesamte 19. Jahrhundert durch lechtzen die Deutschen nach einem eigenen Nationalstaat; die Flagge, die bei den großen Revolutionen geschwenkt wurden, war Schwarzrotgold. Wären die Revolutionen von 1848 erfolgreich gewesen, dann wäre Schwarzrotgold auch die Flagge des Nationalstaats geworden. Aber so weit kam es nicht.

Die Revoluzzer von ’48 hatten sich die Farben auch nicht einfach ausgesucht, weil sie zusammen hübsch anzusehen waren, sondern aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon. Als der kleine Franzose sich anschickte, ganz Europa zu erobern (und damit zu Beginn ziemlich erfolgreich war), muckten die deutschen Staaten gegen ihn auf. Die Befreier, die das französische Joch abschütteln wollten, riefen folgenden Wahlspruch aus:

Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.

Wir sehen: Schwarz (Schwärze), rot (blutige), gold (goldene). Anhand der Aufzählung, das Schlechteste ganz unten und das Beste ganz oben, sieht man, dass es auch logisch wäre, die Farben genau andersrum zu benutzen, weil man ja vom Tiefsten ins Höchste gelangen will und das Bessere dementsprechend oben sein müsste. Genau so handhabten es die Studenten, die 1832 am Hambacher Fest teilnahmen; bei ihnen waren die Farben einmal verdreht. Durchgesetzt hat sich diese Anordnung aber nicht.

Aber auch der Wahlspruch aus den Befreiungskriegen ist noch nicht das Ende vom Lied. Denn in den Befreiungskriegen kämpften nicht nur die professionellen Armeen Preußens oder Österreichs gegen Napoleon, sondern auch viele Freiwillige. Ein Trupp dieser Amateursoldaten war das Lützower Freikorps. Deren Uniformen waren schwarz. Die Vorstöße waren rot und die Knöpfe golden. Warum gerade diese Farben? Nun, es gibt die Ansicht, dass es schlicht und ergreifend am einfachsten war, Alltagskleidung schwarz zu färben, um einheitliche Uniformen zu haben.

Aber ich glaube, dass das nicht weit genug geht, zumal das nicht die Farben rot und gold erklärt. Gehen wir also noch ein Stückchen zurück, in die Zeit vor den Befreiungskriegen. Auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Flagge, nämlich grob gesagt diese hier:

Na? Was fällt auf? Ein schwarzer Doppeladler, mit roten Krallen auf goldenem Grund. Ich behaupte vielmehr, dass man sich bei den Lützower Jägern, wie sie auch genannt werden, ganz bewusst an den Farben des erst kürzlich untergegangenen Heiligen Römischen Reiches orientiert hat. Somit haben wir heute mit Schwarzrotgold nur konsequenterweise diejenigen Farben, die Deutschland ohnehin die längste Zeit hatte. Sogar das Wappentier, der Adler, hat sich nicht geändert.

„Moment!“, könnte jetzt jemand einwenden, „der Bundesadler hat doch nur einen Kopf!“ – Stimmt. Hatte der Adler des Reichs auch, als im 12. Jahrhundert Wappen und Flaggen aufkamen. Damals sah die Flagge grob noch etwa so aus:

Und noch als kleinen Beweis, dass ich hier keinen Driss erzähle, ein Bild von Kaiser Heinrich VI. aus dem 14. Jahrhundert: