Der Krieg aller Kriege VII Donnerstag, Jun 9 2011 

– Der Prager Friede

Nach dem Tod des Schwedenkönigs übernahm der schwedische Reichskanzler Oxenstierna die Führung der Armee und versuchte, den Krieg für Schweden weiter günstig laufen zu lassen. Die Chancen standen nicht schlecht, denn mit Wallenstein fehlte der kaiserlichen Armee ihr fähigster Heerführer und nun musste sich der Kaiser mehr oder weniger auf die Liga stützen.

Allerdings lief es für die Schweden alles andere als gut, denn ihr Bündnis mit den protestantischen Fürsten begann zu bröckeln. Besonders bockig verhielt sich Sachsen, das im Bund die Führung der protestantischen Reichsstände beanspruchte, was den Schweden weniger lieb war; man wollte selber das Sagen haben. So kam es, dass die Verbündeten langsam entfremdeten. Das kaisertreue Sachsen näherte sich wieder an den Kaiser an, stieg aus dem Bündnis mit Schweden aus – und schloss mit dem Kaier Frieden! 1635 unterzeichneten der Kaiser und der Kurfürst von Sachsen den Frieden von Prag, dem alle anderen Fürsten des Reiches beitreten konnten (was im Laufe der Zeit auch fast alle taten).

Ziel und Hoffnung des Kaisers war es, alle Fürsten des Reichs, ob protestantisch oder katholisch, wieder zu einen und die schwedischen Truppen und die französischen Soldaten (die inzwischen auch Krieg führten, aber dazu gleich mehr) aus dem Reich zu drängen und so Frieden zu schaffen. Um die Bedingungen für alle betroffenen Fürsten akzeptabel zu machen, einigte man sich auf ein Normaljahr, nämlich 1627. Alle religiösen Änderungen in den Gebieten und alle Kirchengüter, die bis 1627 eingezogen wurden, durften so bestehen bleiben. Alles, was seit 1627 geändert wurde, musste wieder auf den stand von 1627 gebracht werden.

Diese Aussichten waren für die allermeisten Fürsten annehmbar und sie traten dem Frieden bei. Alle Truppen der Fürsten sollten zu einer einzigen Reichsarmee zusammen gelegt werden, die dann formal dem Kaiser unterstand. Und damit sich die Fürsten nicht bei der nächstbesten Gelegenheit wieder aus dem Bund mit dem Kaiser lösten und sich dem König von Frankreich oder Schweden um den Hals warfen, wurde allen Fürsten verboten, Bündnisse einzugehen. Weder mit ausländischen Mächten – womit Schwedens Bündnis zusamenfiel wie ein Kartenhaus – noch untereinander. Damit war auch die Katholische Liga Geschichte.

Allein geholfen hatte es wenig. Während man gegen die Schweden ein paar Erfolge feiern konnte, machten die Franzosen mehr Druck. Frankreich befand sich schon seit iniger Zeit mit Spanien im Krieg. In Paris fürchtete man, irgendwann von Habsburgern umzingelt zu sein: Spanien im Süden, im Osten das Reich und der Kaiser und im Norden die Spanischen Niederlande. Dass der Kaiser den Reichsfürsten verboten hatte, mit ausländischen Mächten Bündnisse zu schließen, traf Frankreich schwer, verschärfte da doch ihre Lage in der Habsburgklammer.

Der König von Frankreich hatte einen hervorragenden Staatsminister, nämlich Kardinal Richelieu. Richelieu wusste genau, was zu tun war: man musste Schweden davon abhalten, aus dem Krieg auszusteigen.

Kardinal Richelieu (links, rechts und mitte)

Dazu musste Schweden irgendwie in ein Bündnis mit Frankreich gebracht werden. Und da half das liebe Geld. Schweden war seit so ziemlich immer pleite und konnte sich nur durch Kontributionen aus den besetzten Gebieten über Wasser halten. Der Vormarsch der Reichstruppen verkleinerte das potentiell auspressbare Gebiet und damit die Möglichkeit, eine schlagkräftige Armee zu unterhalten. Frankreich lockte die Schweden also mit Geld in ein Bündnis.

Das protestantische Schweden im Bund mit dem katholischen Frankreich kämpfen gegen den katholischen König von Spanien, den katholischen Kaiser und seine katholischen und protestantischen Reichsfürsten – wir sehen, um Religion ging es schon lange nicht mehr.

Die Franzosen bekämpften besonders die Spanier, die über die sogenannte Spanische Straße in die Niederlande marschierten, um die abtrünnigen Holländer zu bekämpfen. Eigentlich hatte sich Spanien schon mit der Abspaltung der Niederlande abgefunden und war theoretisch auch bereit, deren Unabhängigkeit anzuerkennen. Was man aber in Madrid gar nicht gerne sah, waren die Kaperfahrten, die niederländische Schiffe in der Karibik durchführten. Im Zuge dessen verlor Spanien Schiffsladungen von Gold und Silber, die für ein ganzes Jahr hätten reichen müssen.

Die Spanische Straße. Orange und violett sind die Besitzungen der spanischen Habsburger, grün sind die Besitztümer des Kaisers.

Der Krieg hatte sich im Grunde festgefahren, keine Seite konnte seine Ansprüche allein durch Soldaten durchsetzen. Richelieu verlangte für Frankreich Gebiete im Elsass und Bündnisfreiheit für die Reichsfürsten, Oxenstierna verlangte für Schweden einen ehrenvollen Frieden, das bedeutet, Geld für den Unterhalt der Armee und Gebiete im Norden des Reiches, am liebsten an der Ostseeküste. Der Kaiser wollte unterdessen nur Einzelfrieden mit den Schweden und Franzosen schließen, keinen gemeinsamen, der alle drei Kriegsparteien umfasst.

1637 starb Kaiser Ferdinand II. und sein Sohn, Ferdinand III., folgte ihm auf den Thron. Geändert an der Situation hat es nichts.

Vier Jahre später schlossen die drei Parteien in Hamburg einen Vertrag, dass man bald Friedensverhandlungen einberufen sollte. Hier konnte sich Richelieu durchsetzen, der einen Friedenskongress für alle beteiligten Fürsten wollte, auch für die einzelnen Reichsfürsten, was der Kaiser den Fürsten aber verbieten wollte. Der Kongress sollte nach Konfessionen getrennt ablaufen und als Verhandlungsort wurden zwei Städte samt ihrer Verbindungsstraßen als neutrale Zone vereinbart, die nicht angegriffen werden durfte. An anderen Orten ging der Krieg weiter, als sei nichts gewesen.

Ab 1642 traf man sich zu Friedensverhandlungen in Westfalen. In Münster und in Osnabrück.

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Der Krieg aller Kriege V Sonntag, Mai 29 2011 

– Der Dänisch-Niedersächsische Krieg und das Kontributionssystem

Die Söldner der Protestanten waren in arger Bedrängnis und zogen sich nach Norden zurück; die Armee der Katholischen Liga, angeführt vom Heerführer Tilly, folgte ihnen. Die Protestantische Union hatte sich längst aufgelöst, quasi pünktlich zu Kriegsbeginn.

Die protestantischen Fürsten im Norden, im niedersächsischen Reichskreis, wurden ein wenig nervös. Dieser Umstand kam dem dänischen König Christian IV. ganz gelegen.

Die Reichskreise. Der niedersächsische Reichskreis ist der rote im Norden. Klicken für’s größere Bild

Denn Christian IV. war ein Reichsfürst, denn er war der Herzog von Holstein, das zum Reich gehörte, und gehörte als solcher zum niedersächsischen Kreis. Insgeheim hoffte er, irgendwie an ein paar geistliche Territorien, wie das Erzstift Bremen, zu kommen. Einfach, damit er ein paar Herrschaftsgebiete für seinen Filius hatte (nicht zuletzt, weil die Schweden ihm im Ostseeraum langsam die Butter vom Brot nahmen). Dazu wollte er die Angst der anderen Kreisangehörigen nutzen und ließ sich 1625 zum Kreisobersten wählen. Die norddeutschen Fürsten erwarteten, dass König Christian ein Heer aufstellt, um sie gegen die katholischen Truppen der Liga zu schützen – und vor den unterbezahlten Protestantensöldnern des tollen Halberstädters.

Christian IV., König von Dänemark und als Herzog von Holstein ein Fürst des Reiches.

Dem Kaiser ging indes das Geld aus und er musste seine Rüstungsanstrengungen zurückfahren und hätte fast schon gar kein eigenes Heer mehr gehabt, wenn nicht ein gewiefter Neureicher gekommen wäre. Ein Söldnerführer, der durch den Kauf böhmischer Ländereien nicht nur stinkreich, sondern auch ein wenig adlig geworden war, bot dem Kaiser an, auf eigene Kosten eine Armee aufzustellen: Albrecht von Wallenstein.

Der Generalissmimus Albrecht von Wallenstein

Eine riesige Armee, die man nicht mal selber bezahlen muss? Das ließ sich Kaiser Ferdinand II. nicht zweimal sagen und nahm Wallensteins Angebot dankend an. Doch der Söldnerführer war ja kein selbstloser Kaiserfan, sondern forderte von Ferdinand, Oberbefehlshaber aller kaiserlichen Truppen zu werden und später die angefallenen Kosten zurückzubezahlen. Der Kaiser willigte ein gab ihm den Oberbefehl.

Bevor wir nun schauen, wie’s im Norden weitergeht, sollten wir einen Blick auf die Art der Finanzierung von Wallensteins Armee werfen. Allein durch sein Vermögen ging’s natürlich nicht, sonst wäre er schnell arm gewesen. Nein, Wallenstein nutzte das sogenannte Kontributionssystem. Das funktionierte folgendermaßen: Eine Armee hatte in einem Land stets das Recht auf vier Kontributionen: Holz, Salz, Licht und Unterkunft. Das musste die Bevölkerung zur Verfügung stellen, für alles andere musste irgendwie der Söldnerführer aufkommen. Wallenstein begann, in den besetzten Gebieten Steuern einzutreiben. Damit konnte er seine Söldner bezahlen. Überhaupt, damit konnte er seine Söldner überhaupt angemessen und pünktlich bezahlen und das war keine Selbstverständlichkeit. Oft lösten sich Armeen langsam auf, weil die Heerführer ihre Soldaten nicht mehr bezahlen konnten. Bei Wallenstein war das jedenfalls nicht so. Das Kontributionssystem hatte einen Haken, man musste das besetzte Gebiet erweitern, wenn man die Armee vergrößern wollte. Oder wenn man das besetzte Gebiet ausgepresst hatte. Dann zog man ins nächste Gebiet und presste das leer, um den Krieg weiterführen zu können. Das ganze lässt sich unter einer griffigen Formel zusammenfassen: Der Krieg ernährt den Krieg. Denn schon bald übernahmen auch alle anderen Heerführer das Kontributionssystem.

Wallenstein kümmerte es wenig, ob es sich bei dem Gebiet, das er gerade besetzt hielt und auspresste wie eine Zitrone, um feindliches, neutrales oder gar mit dem Kaiser verbündetes Gebiet handelte. Dementsprechend verschnupft reagierten so ziemlich alle Reichs- und Kurfürsten auf Wallenstein, egal ob protestantisch oder katholisch.

Bei den Fürsten der Liga – insbesondere beim Bayernherzog Maximilian, der der Liga ja vorstand – machte sich Wallenstein ganz besonders unbeliebt, weil der Kaiser nun nicht mehr von Max‘ Liga abhängig war. Jetzt hatte der Kaiser ja eine eigene Armee.

Aber zurück nach Norddeutschland!

Christian IV. sah sich im Grunde also gleich zwei feindlichen Armeen ausgesetzt – der Ligaarmee unter Tilly und der Kaiserarmee unter Wallenstein. Der Dänenkönig hoffte insgeheim, Frankreich ins Boot holen zu können, um den Habsburgern irgendwie Paroli zu bieten, aber das hatte sich bereits 1625 erledigt. Die französischen Protestanten, die Hugenotten, probten den Aufstand und Frankreich war für längere Zeit mit inneren Problemen beschäftigt.

So kam es dann auch, dass die kaisertreuen Truppen einen Sieg nach dem anderen erringen konnten und besonders Wallenstein sich als hervorragender Logistiker hervortat. Bis 1628 waren die meisten protestantischen Fürsten wieder kaisertreu und die Dänen friedensbereit geschossen. 1629 schloss Dänemark mit dem Kaiser den Frieden von Lübeck. Christian IV. kam mit einem blauen Auge davon; er durfte seinen Besitz vor Kriegsbeginn behalten und musste im Gegenzug auf jegliches Engagement im Reich und im Reichskreis erstmal verzichten.

Der Herzog von Mecklenburg wurde verscheucht und das Land bekam einen neuen Herzog: Wallenstein. Bei den übrigen Reichsfürsten regte sich Widerstand gegen diesen Emporkömmling – und Angst! Der Kaiser war so mächtig, fürchteten viele, vor allem die protestantischen Reichsstände, er könnte das ganze Reich katholisch machen und in eine Erbmonarchie umwandeln! Das war natürlich beides nicht der Fall, aber die Angst war da. Wallenstein musste weg, das war der erste Punkt. Der Kaiser knickte schließlich vor dem Geschrei der Reichsfürsten, ob katholisch oder protestantisch, ob kaisertreu oder neutral, ein. Wallenstein wurde als Heerführer entlassen, blieb aber Herzog von Mecklenburg.

Damit hatten die Habsburger einen ersten Stützpunkt an der Ostsee. Und darüber hinaus die Übermacht im Reich.

Ein Königreich im Norden sah sich bedroht – und ein König setzte die Segel.

Der Krieg aller Kriege IV Freitag, Mai 27 2011 

– Der böhmisch-pfälzische Krieg

Die klugen Leute an Matthias‘ Kaiserhof suchten nun nach Grauzonen im Majestätsbrief und wurden fündig. Es wurde nämlich trotz aller Zugeständnisse an die Protestanten nämlich nichts darüber ausgesagt, was mit protestantischen Kirchen auf katholischem Gebiet in Böhmen passieren soll. Frei von der Leber weg interpretierte der Kaiserhof diese Lücke ganz im eigenen Sinne und begann, protestantische Kirchen in Böhmen abzureißen, insofern sie sich auf Gebiet befanden, das mehrheitlich katholisch war. Das ließen sich die böhmischen Adligen natürlich nicht gefallen, kochend vor Wut marschierten sie flugs nach Prag in die Prager Burg. Dort stellten sie die kaiserlichen Gesandten zur Rede. Nachdem man sich einige Zeit angeschrieen hatte, beschlossen die böhmischen Adligen Nägel mit Köpfen zu machen, packten die Gesandten und warfen sie aus dem Fenster. Das war im Jahre 1618.

Der Prager Fenstersturz. Wer klickt, sieht’s größer.

Die Gesandten überlebten den Sturz und petzten natürlich sofort beim Kaiser. Matthias ließ sich das nicht gefallen und begann, die böhmischen Aufständischen zu vertreiben und das Land wieder in das Reich der Habsburger einzugliedern. Aber die Aufstellung einer Armee sollte seine Zeit dauern.

Die böhmischen Adligen saßen nun in Prag und überlegten fieberhaft, was nun zu tun sei. Dass der Kaiser mit einer Armee anrücken würde, war klar – also musste man sich Verbündete suchen. Am besten bei den protestantischen Reichsfürsten. Doch von denen wollte niemand etwas mit den Rebellen zu tun haben; Sachsen und andere Fürsten erklärten ihre Neutralität in diesem Konflikt und auch die Protestantische Union lehnte ein Beitrittsgesuch Böhmens ab.

Nur einer wollte Böhmen unterstützen. Friedrich V. von der Pfalz ließ sich von den böhmischen Adligen zum König wählen, reiste nach Prag und stellte eine Armee auf. Eine Zumutung für den Kaiser! Die böhmische Krone gehörte dem Haus Habsburg, nicht dem krawalligen Kurfürsten aus der Pfalz!

Friedrich V. von der Pfalz, der Winterkönig. Warum er so hieß, kommt gleich.

Während der Pfalzfritz sich 1619 zum König von Böhmen wählen ließ, gab es für das Reich einen neuen Kaiser. Matthias war gestorben und hatte noch zu seinen Lebzeiten Ferdinand zu seinem Nachfolger wählen lassen. Als Kaiser Ferdinand II. saß jener nun auf dem Thron.

Kaiser Ferdinand II. Er wird uns einige Zeit begleiten.

Ferdinand versuchte nun, händeringend Truppen zusammenzukratzen, um die Aufständischen fortzujagen. Da kam ihm die Katholische Liga zur Hilfe. Das Oberhaupt der Liga war Herzog Maximilian I. von Bayern, erzkatholisch und Feind des Protestantismus. Die Ligatruppen rückten mit den Truppen des Kaisers in Böhmen ein.

Maximilian I., der Ligaführer. Hier ist er schon ein wenig älter.

Am Weißen Berge kam es schließlich zur Entscheidungsschlacht. Zahlenmäßig waren die Truppen Friedrichs überlegen. Es sah nicht gut aus für die Liga. Doch unerwarteterweise ging die böhmische Armee ab-so-lut unter. Die Schlacht am Weißen Berge endete so dermaßen desaströs für Friedrich, dass er ins holländische Exil fliehen musste, als die kaisertreuen Soldaten nach Prag marschierten. Die totale Niederlage Friedrichs und weil er nur ein paar Monate König war, wurde er schnell als ‚Winterkönig‘ verspottet.

In Böhmen wurde mit den Aufständischen kurzen Prozess gemacht; die Anführer wurden hingerichtet, andere Beteiligte mussten hohe Geldstrafen zahlen oder ihren Grundbesitz abgeben. Damit Ferdinand seine Söldnerarmee irgendwie bezahlen konnte, hatte er den Silbergehalt in den Münzen verringern lassen, um mehr davon prägen zu können. Nach dem Sieg der Truppen, wurde der Wert wieder erhöht. Der eingezogene Grundbesitz wurde nun versteigert – und hier tat sich besonders ein Mann hervor, der Grund und Boden in Böhmen mit minderwertigem Geld aufkaufte und so reich und sogar adlig wurde. Er wird uns später nochmal begegnen.

Die Hinrichtung des Anführers des böhmischen Aufstands. Wer klickt, sieht mehr.

Auf der anderen Seite des Reiches begann Spanien gerade wieder Krieg mit den Niederlanden. Spanien hoffte, dass der habsburgische Vetter in Wien ihn unterstützen würde und überwies dem Kaiser in hübscher Regelmäßigkeit Geld, um die kaiserliche Armee bei Laune zu halten. Und weil die Spanier, die von Norditalien aus nach Norden in die Niederlande marschierten, gerade in der Gegend waren, eroberten sie im Handstreich die quasi leerstehende Kurpfalz.

Nun, was tun mit der pfälzischen Kurwürde? Der Kaiser entschied sich, Maximilian zu belohnen und übergab ihm die Pfalz und übertrug die Kurwürde auf das Herzogtum Bayern. Das schreckte viele Fürsten und Städte im Reich auf. Wenn der Kaiser mal eben so ein Kurfürstentum von der Karte streicht und die Kurwürde wem anders gibt, warum sollte er dann nicht auch das ganze Reich wieder katholisch machen wollen? Das war die Furcht der protestantischen Reichsstände, die nun mit der Aufrüstung begannen. Diese unbegründete Sorge wurde noch verstärkt, denn Friedrich war zwar besiegt, aber es gab noch immer protestantische Söldner, die nun durch das Reich eierten. Angeführt wurden sie von einem Heerführer, den man den ‚tollen Christian‘ oder ‚tollen Halberstädter‘ nannte, weil er so toll war und ein Faible für reichlich abenteuerliche Aktionen hatte.

Die kaisertreuen Truppen stießen den tollen Protestanten nach, immer weiter nach Norden.

Der Krieg aller Kriege II Sonntag, Mai 22 2011 

– Konflikte an allen Grenzen

Das, was im Heiligen Römischen Reich also um 1600 vorherrschte, war ein System, das zwar ein wenig funktionierte, aber nicht sonderlich stabil war. Mit dem Tod des sächsischen Kurfürsten verschlechterte sich die Lage noch ein wenig, denn sein Nachfolger kam der Kurpfalz näher – und weil Kursachsen das vornehmste protestantische Fürstentum war, kamen in dessen Windschatten auch andere protestantische Fürsten in die Nähe der Kurpfalz, die sich über so viel Unterstützung sichtlich freuen konnte. Sachsen, das zuvor versuchte, mit dem Kaiser in Wien einen Ausgleich zu bekommen, jetzt Hand in Hand mit den keifenden Pfälzern? Das machte die Lage im Reich nicht unbedingt stabiler. Als Sachsen schließlich wieder zur konstruktiven Politik zurückging, blieb die Lage angeknackst, denn eine ganze Reihe protestantischer Fürsten blieben auf der Seite der Kurpfalz.

Die verschiedenen Reichsinsitutionen fingen an, zu versagen. Gerichte, Räte usw. waren paritätisch besetzt, das heißt, dass in den Gremien ebenso viele Katholiken wie Protestanten saßen. Teilweise erkannten katholische Gesandte ihre protestantischen Kollegen nicht an, was die gesamte Institution lahmlegte. Beide Konfessionen saßen sich misstrauisch gegenüber. Die protestantischen Stände gründeten ein Schutzbündnis, die Protestantische Union unter der Führung der Kurpfalz, um sich gegen etwaige Angriffe der katholischen Fürsten wehren zu können. Auf der anderen Seite gründeten die katholischen Fürsten die Katholische Liga, die von Bayern angeführt wurde. Kurpfalz gegen Bayern also, das war schon deswegen brisant, weil die Bayern so gerne Kurfürsten werden wollten – und Anspruch auf die Kurwürde der Pfalz erhoben. Willkommen im Pulverfass.

Immerhin konnte keines der Bündnisse die vornehmsten Mächte ihrer Konfession für sich gewinnen; Sachsen blieb der Union fern und der Kaiser und sein habsburgisches Haus traten nicht der Liga bei.

Aber genug von der Innenpolitik, denn auch um das Reich drumrum tat sich einiges. Im Grunde genommen gab es Zoff an allen Grenzen, fangen wir im Norden an. Dort lag Dänemark, was später noch wichtig werden wird. Der König von Dänemark war ein Fürst des Reiches, denn er war Herzog von Holstein und das war ein Teil des Reiches. Aber dazu später mehr, heute noch nicht. Dänemark war eine Macht, die im Ostseeraum um die Vorherrschaft kämpfte und hatte einen riesigen Vorteil: Dänemark kontrollierte den Zugang von der Nord- in die Ostsee und konnte von allen Handelsschiffen, die vom einen ins andere Meer wollten, Zölle verlangen, was ein einträgliches Geschäft war.

Etwas weiter nördlich von Dänemark war das Königreich Schweden, das auch gerne den Ostseeraum beherrschen würde. Aber es gab ein paar Verzwickungen mit Polen. Das Königreich Polen war – wie das Reich auch – eine Wahlmonarchie, das heißt, der König von Polen wurde von polnischen Fürsten gewählt. Der momentane polnische König stammte aus dem Haus Wasa, das auch die schwedischen Könige stellte. Als König von Polen musste man katholisch sein, die Schweden waren aber Protestanten. Als der Polenkönig nun auch Schwedenkönig werden sollte, gab es im Land der Elche einiges Murren. Als zögerlich der Katholizismus im protestantischen Schweden gefördert werden sollte, platzte den schwedischen Adligen die Hutschnur, sie setzten den in Polen residierenden König ab und setzten einen eigenen (auch aus dem Haus Wasa stammenden) König ein. Das war im Jahr 1600. Er und sein Nachfolger Gustav Adolf, der ab 1611 regierte, reformierten Schweden und bauten ein schlagkräftiges Militärwesen auf und führten Krieg in Polen. Und Russland. Und das so erfolgreich, dass die Schweden so viel Gebiet eroberten, dass Russland keinen Zugang zur Ostsee mehr besaß. Um den schwedischen Anspruch als Ostseegroßmacht durchzusetzen, hätte Stockholm gerne ein paar Gebiete an der Südküste der Ostsee gehabt und schielte dabei auf Pommern. Pommern, das war ein Teil vom Reich.

Im Südosten des Reiches stand es nicht besser, denn der Türke war da. Der gesamte Balkan und fast ganz Ungarn war in der Hand des Osmanischesn Reiches und die Türken schickten sich an, mehr Gebiete zu erobern. Und das  so nah an der Reichsgrenze! Die Habsburger, deren Erblande in Österreich unmittelbar bedroht waren, machten im Reich allerlei Zugeständnisse, damit die Fürsten auf dem Reichstag Steuern bewilligen, um Truppen gegen die Türken zu unterhalten.

Wenden wir uns dem Westen zu. In Frankreich rumorte es heftig, weil die Hugenotten, die französischen Protestanten, mit den Katholiken alles andere als friedlich zusammen lebten. In den Hugenottenkriegen wurden die Hugenotten Stück für Stück aus Frankreich gedrängt. Dass protestantische Reichsfürsten in diesem Konflikt offen Partei ergriffen (ich schaue dich an, Kurpfalz), machte die Lage im Reich nicht stabiler. Aber damit nicht genug!

Denn es gab ja noch die Niederlande. Formal waren sie noch ein Bestandteil des Reiches und gehörten zu Spanien – Spanien wurde von einem Habsburger regiert. Und die Spanier schickten fleißig Truppen in die Niederlande, um den dortigen protestantischen Aufstand niederzuschlagen. Wenn man sich mal so eine Karte anguckt: Spanien, Niederlande – da liegt ja einiges an Gebiet dazwischen! Deswegen mussten die spanischen Truppen durch das halbe Reich marschieren, um in die Niederlande zu gelangen. Sie hätten ja auch durch Frankreich marschieren können, schließlich sind Frankreich und Spanien doch beide katholisch und der Protestant als solcher ist ja mehr so Feind. Falsch, denn wenn Frankreich eine Sache mehr hasste als Protestanten, dann waren’s die Habsburger. Und jede Schwächung der Habsburger – ob in Spanien oder im Reich mit dem habsburgischen Kaiser an der Spitze – war gut. Umso nervöser schaute man in Frankreich nach Norditalien, denn die Franzosen hatten großes Interesse daran, ein Stück von italienischen Kuchen abzubekommen. Im Moment war Norditalien (was zu Spanien gehörte, um die Verwirrung komplett zu machen) allerdings Aufmarschgebiet für spanische Truppen. Und das tat Paris recht missfallen.