Musikgeschmack Freitag, Nov 5 2010 

– Mendelssohn-Bartholdy am Prager Rudolfinum

Das Prager Rudolfinum ist heute ein weltbekanntes Konzerthaus. Ein solches wurde es erst, als das Dritte Reich den übrig gebliebenen Teil Tschechiens besetzte und damit die Tschechoslowakei zerschlug. Ein halbes Jahr zuvor, im Herbst 1938, hatte man von der Tschechoslowakei bereits das überwiegend von Deutschen besiedelte Sudetenland abgepresst.

Das Rudolfinum, vorher Sitz des Parlaments, wurde nun zum Konzerthaus umgebaut. Aber nicht nur im Inneren wurde Hand an das Rudolfinum gelegt. Der Reichsprotektor für das Protektorat Böhmen und Mähren (also Tschechien) war Reinhard Heydrich, ein strammer und überzeugter SS-Mann, der sich später durch seine Mitarbeit an der „Endlösung der Judenfrage“ hervortun sollte. Ihm war alles Jüdische ein Dorn im Auge. Es missfiel ihm daher, dass der jüdische Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy mit einer Statue auf dem Rudolfinum vertreten war. Aus diesem Grund beauftragte er gute deutsche Arbeiter damit, die Statue vom Rudolfinum holen.

Die Arbeiter machten sich an die Arbeit und schlenderten an den Bildnissen großer Komponisten vorbei. Sie hatten keinen blassen Schimmer, wie Mendelssohn-Bartholdy aussah und wo dessen Statue stehen sollte. Immerhin wussten sie, dass der Komponist Jude war, also hielten sie Ausschau nach den Merkmalen, die so ein Jude ja haben müsste. Schließlich fanden sie auch eine Statue mit typisch jüdischem Gesicht und großer Hakennase. Und begannen mit dem Abbau der vermeintlichen Mendelssohn-Bartholdy-Statue. Das Bildnis, das sie da in Wahrheit gerade abmontierten war das von – ausgerechnet! – Richard Wagner, dem bekennenden Antisemiten und Hitlers Lieblingskomponisten.

Der Irrtum wurde jedoch rechtzeitig bemerkt, sodass die Eröffnung des Konzertsaals 1941 ohne Zwischenfälle von Statten gehen konnte. Der Bartholdyverächter Heydrich starb ein Jahr später an den Folgen eines Attentats tschechischer Widerstandskämpfer. Nach dem Krieg diente das Rudolfinum nochmals kurz als Parlamentssitz; seit 1946 dient es wieder als Konzerthaus.

Advertisements

Täter oder Opfer? Freitag, Mai 7 2010 

– Bewertung eines Nationalsozialisten

Walter Müller wird 1901 geboren. Seine Mutter ist Berta Müller, die auf dem Gutshof von Hermann Dreifus, Walters Vater, arbeitet. Walter weiß nicht, wer sein Vater ist. Seine Großtante und ihr Mann adoptierten ihn. Nach deren Tod 1925 wird Dreifus sein Vormund. Im gleichen Jahr promoviert Walter in Medizin, wird vier Jahre später Klinikarzt in Waiblingen. Seine Adoptiveltern gibt er als leibliche Eltern an. Walter ist überzeugter Nationalsozialist; er tritt 1930 der SS bei und wird SS-Sturmarzt. Er selbst sieht sich ganz selbstverständlich als Teil der Herrenrasse und stolziert wie ein Gockel in seiner SS-Uniform auf Stadtfesten. 

Soweit nichts ungewöhnliches. Warum erzähle ich das alles? Nun, 1933 fliegt auf, dass Walter nicht seine wirklichen leiblichen Eltern als leibliche Eltern angegeben hatte. Mehr noch, es fliegt auf, dass Dreifus sein leiblicher Vater ist. SS-Mann Müller erschießt sich.

Warum das? Ganz einfach: Dreifus war Jude und der SS-Mann Walter Müller somit Halbjude. Wahrscheinlich der einzige jüdische SS-Mann der Welt.

Das wäre ansich ja schon skurril genug, dass ein glühender Nationalsozialist und SS-Arzt herausfindet, dass er Jude ist und dann den konsequenten Schritt geht, sich selbst der Endlösung zuzuführen.

Nein, richtig interessant wird es jetzt, da die Stadt Waiblingen sich windet. Denn auf ihrem Friedhof liegt Müller begraben, aber wie soll man mit dem Grab verfahren? Man könnte es räumen oder überwuchern lassen, schließlich liegt dort ein Täter. Oder ein Opfer? Zwar war Müller SS-Mann und hat einen Juden erschossen, aber andersrum war er auch Jude, der von einem SS-Mann erschossen wurde. Täter oder Opfer? Darf man so mit dem Andenken an ein Opfer des Nationalsozialismus umgehen? Beziehungsweise einem Täter?

Eine interessante Frage. Meiner Meinung nach sollte man den Sonderfall Müller irgendwie im Bewusstsein erhalten, sei es auf dem Friedhof selber oder in einem Museum. Gerade um über die Täter-Opfer-Problematik zu diskutieren. Denn wann hat man es schon mal, dass jemand Täter und Opfer einer Ideologie in einer Person ist? 

Leider weiß ich nicht, wie man sich in Waiblingen inzwischen entschieden hat; die Artikel sind alle drei Jahre alt (und für Recherche bin ich momentan zu faul, verzeiht’s mir bitte).

(Quelle: Süddeutsche Zeitung, Stern, Lehrer-Online)