Kaiserkonkurrenz Sonntag, Okt 3 2010 

– Streit um das Erbe Roms

Der 3. Oktober, unser Nationalfeiertag. Tag der Deutschen Einheit. Wiedervereinigt seit zwanzig Jahren. Schön. Was liegt an einem solchen Jahrestag näher, als ein Eintrag über das Römische Reich?

Beziehungsweise über das Erbe desselben. 476 n. Chr. setzte der Gote Odoaker den letzten römischen Kaiser, Romulus Augustulus, in Rom ab. Damit hatte das weströmische Reich im Grunde aufgehört zu existieren, wobei es sich 476 ohnehin nur noch um einen Rumpfstaat handelte; die Reste des ehemals weströmischen Reiches waren längst unter die Kontrolle barbarischer Könige gefallen.

Blau: Westrom. Rot: Ostrom

Die römische Kaiserwürde lag damit brach. Zumindest die des Westens, denn der oströmische Kaiser (wobei die Römer selbst sich nie als entweder ost- oder weströmisch sahen, sondern immer als Römer) sah sich als legitimer Nachfolger der römischen Kaiser, auch wenn er sich „Basileus“ nannte, was altgriechisch für „König“ ist und in seinem Reich hauptsächlich Griechisch gesprochen wurde.

Das war für’s erste kein Problem, bis zum Jahre 800. Der Papst, in Rom sitzend, benötigte die Hilfe des Königs der Franken, eines germanischen Stammes, der etwa das Gebiet des heutigen Frankreichs (daher der Name) und des südwestlichen Deutschlands beherrschte. Der Name des fränkischen Königs war Karl und nachdem er dem Papst gegen einen in Norditalien sitzenden Germanenstamm half, wurde er vom Pontifex belohnt. Am Weihnachtsage des Jahres 800 wurde Karl, den man schon bald „den Großen“ nannte, die römische Kaiserwürde verliehen. Damit gab’s in Europa zwei römische Kaiser. Man kann sich wohl vorstellen, wie sehr der Basileus in Konstantinopel geschimpft haben mag; schließlich war er der rechtmäßige Nachfolger der römischen Kaiser.

Karl und die auf ihn folgenden römischen Kaiser bemühten sich erst gar nicht um einen Ausgleich mit dem Byzantinischen, also oströmischen, Reich. Das tat erst Otto der Große, der 962 zum Kaiser gekrönt wurde. Um die Byzantiner milde zu stimmen, verheiratete er seinen Sohn Otto mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu. Das besänftigte den Basileus etwas, jedoch flammte den folgenden Jahrhunderten der Gegensatz immer wieder auf. Dass es zu keiner großen Auseinandersetzung kam, mag daran gelegen haben, dass es den Kaisern im Heiligen Römischen Reich ziemlich wurscht war, was die Griechen da hinten am Bosporus so dachten und daran, dass ebenjene Byzantiner mit inneren Querelen und anderen, äußeren Feinden beschäftigt waren und ihr Reich immer mehr zusammenschmolz.

Die Rechtmäßigkeit der Nachfolge der römischen Kaiser blieb bis zum Untergang des Byzantinischen Reiches ungeklärt. 1453 eroberten die Türken unter ihrem Sultan Mehmed dem Eroberer (ratet mal, woher er den Namen hat!) Konstantinopel und damit den letzten Zipfel des Byzantinischen Reiches. Der Basileus kam in der Schlacht um die Stadt ums Leben. Damit wäre die Frage ja ein für alle mal gegessen und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches der einzige Kaiser eines römischen Reiches. So leicht war’s dann aber doch nicht. Denn wie nannte sich der Sultan nach der Eroberung Konstantinopels?

Römischer Kaiser.

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Ungarn überall Dienstag, Aug 10 2010 

– Die Ungarneinfälle

Puh, das wird etwas schwieriger heute, denn eigentlich habe ich von dem Thema keine Ahnung – und nebenher gucke ich gerade Die Tudors auf arte, also thematisch mehr so England und mehr so 16. Jahrhundert. Aber nun ab nach Deutschland im Jahre 900.

Seit etwa einem Jahr braust ein Sturm durch das Ostfrankenreich, das später einmal das Heilige Römische Reich werden wird. Die Ungarn, ein nomadisches Reitervolk aus dem Osten (aus Ungarn halt), fallen regelmäßig in die deutschen Fürstentümer ein und plündern, was es zu plündern gibt.

Die Herzogtümer Bayern und Schwaben und die Marken (wie die Ostmark) hatten zunächst besonders unter den Einfällen der Ungarn zu leiden.

Karte des Reichs. Aus Ungarn kamen - naja - die Ungarn eben.

Die Bayern und Schwaben gewannen zunächst einige Abwehrschlachten gegen die Ungarn. Das kümmerte diese jedoch herzlich wenig und fielen in Mähren und Sachsen ein. Die Bayern hingegen waren von ihren Siegen wie besoffen und wagten einen Angriff auf ungarischem Gebiet, der 907 bei Pressburg in einem Desaster endete.

Die Ungarn plünderten danach fröhlich weiter, schlugen nebenbei noch ein fränkisches und ein schwäbisches Heer. Weiterhin zogen die Magyaren (die Coolen wissen, dass ‚Ungarisch‘ auf Ungarisch ‚Magyar‘ heißt) durch Bayern, Schwaben und Sachsen.

König Heinrich I. konnte die Ungarn nochmals schlagen und ihren Anführer gefangennehmen und handelte so einen Waffenstillstand aus – allerdings nur für Sachsen, sodass die Raubzüge der Ungarn sich auf Bayern und Schwaben beschränkten.

Die schweren Einfälle der Raubreiter aus dem Osten ging so weit, dass sich einige Fürsten gezwungen sahen, den Frieden zu erkaufen; sie leisteten Tribut an die Magyaren.

Chasarische Krieger - so ungefähr sahen auch die ungarischen Kämpfer aus.

927 beschloss Heinrich zusammen mit den Fürsten, gegen die Ungarn gemeinsam vorzugehen. Sie verweigerten den Tribut und zogen so den Zorn der Ungarn auf sich. Es kam zur Schlacht, die Ungarn konnten vertrieben und ihr Lager erobert werden. Trotzdem wollte man nach diesem Sieg lieber nicht zu übermütig werden und zahlte um des lieben Friedens Willen weiter Tribut.

Da den Ungarn erstmal böse auf die Finger geklopft wurde, wandten sie sich zunächst der anderen Richtung zu und unternahmen ein paar Beutezüge nach Byzanz. Doch schon bald verloren sie die Lust am Oströmischen Reich und drehten sich wieder um, nach Westen. Ihre bewaffneten Wandertage führten sie bis nach Frankreich.

Inzwischen hieß der König Otto, der mit Aufständen im Süden seines Reiches zu kämpfen hatte. Diese unruhige Situation nutzten die Ungarn aus und unternahmen einen großen Zug, der sie einmal quer durch das Reich, über Nordfrankreich, das heutige Belgien und Koratien zurück nach Ungarn führte.

Otto platzte die Hutschnur (oder Kronenschnur – wie auch immer), eine Gesandtschaft der Magyaren zur Verlängerung von Verträgen schickte er unverrichteter Dinge wieder zurück. Otto rüstete zum Krieg.

Am 10. August 955, also heute vor 1055 Jahren (falls ich mich nicht verrechnet habe) kam es zur Entscheidungsschlacht auf dem Lechfeld. Anders als sein Vorgänger Heinrich gab sich Otto nicht einfach mit der bloßen Vertreibung der Ungarn zufrieden, sondern rieb das Heer der Magyaren völlig auf. Dieser große Triumph – und weitere kleinere Siege – beendete die Zeit der Ungarneinfälle. Die Ungarn begannen, sesshaft zu werden, von weiteren Raubzügen sahen sie ersteinmal ab.

Otto hingegen erhielt nach der Schlacht auf dem Lechfeld den Beinamen ‚der Große‘ und wurde sieben Jahre nach seinem Sieg über die Ungarn vom Papst zum Kaiser gekrönt.

Wie schön, dass im 19. Jahrhundert die Lechfeldschlacht und Otto nicht so heroisiert wurden...