Mord in der Kathedrale Dienstag, Dez 21 2010 

– Der Fall Thomas Becket

Thomas Beckett war Lordkanzler des englischen Königs. Und er war seit 1162 Erzbischof von Canterbury. Insgesamt war Thomas Beckett also ein ziemlich hohes Tier im Königreich England. Mit König Heinrich II. gab es regelmäßig Probleme, denn beide hatten verschiedene Ansichten, wie Strafverfolgung innerhalb des Klerus auszusehen hätten. Dass mit den klerikalen Verbrechern aufgeräumt werden müsse, darüber waren sich beide einig, aber sollte man sie weltlichen oder geistlichen Gerichten zuführen?

Thomas Becket

Thomas Becket

 Heinrich II. setzte letztendlich seinen Willen durch und Thomas knickte unter dem Druck ein. Später widerrief er seine Zustimmung und machte sich aus dem Staub und floh nach Frankreich. Ein Rücktrittsgesuch Beckets lehnte der Papst ab. Die Frage nach der Gerichtsbarkeit wurde nicht gelöst. Sechs Jahre nach seiner Flucht kehrte der Erzbischof 1170 wieder nach England zurück. Kurz vorher exkommunizierte er noch alle Bischöfe, die den Thronfolger krönen sollten.

Heinrich II.

Heinrich II.

Dem König Heinrich II. schmeckte der aufrührerische Spaltpilz ganz und gar nicht. In einem Tobsuchtsanfall überzog er den Erzbischof mit Schimpftiraden und schrie Verwünschungen aus. Vier anwesende Ritter lauschten dem Wutausbruch des Königs machten sich einen eigenen Reim darauf. Sie hörten im königlichen Geschrei einen Befehl heraus und machten sich auf den Weg zur Kathedrale von Canterbury.

Dort angekommen führten sie den imaginären Befehl des Königs aus und brachten den Erzbischof um – in der Kathedrale! Auf heiligem Boden!

Die Ermordung Thomas Beckets (rechts mit Bischofstab). Links die Ritter.

Die gleiche Szene nochmal, aus den Glasfenstern der Kathedrale von Canterbury

Der Erzbischof tot! Das tat dem Papst nicht gefallen, sodass er die vier Mörder exkommunizierte. Einige pilgerten nach Rom und krochen zu Kreuze; der Heilige Vater schickte sie auf den nächstbesten Kreuzzug und ins Heilige Land. 1173 sprach der Papst Thomas Becket heilig. Ein Jahr später trat Heinrich II. zerknirscht einen Bußgang nach Canterbury an – und akzeptierte den ungeliebten neuen Heiligen als Schutzpatron.

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Wem gehört die Neue Welt? Samstag, Dez 4 2010 

– Die Teilung der Welt

Während Portugal im 15. Jahrhundert damit beschäftigt war, Afrika auf dem Seeweg zu umrunden und eine Handelsroute nach Indien zu finden, suchten die Spanier, mit Hilfe von Kolumbus, im Westen nach dem Seeweg nach Indien. Wie jeder weiß, fand Kolumbus 1492 nicht Indien, sondern Amerika. Die Neue Welt!

Als bekannt wurde, dass man ein Stück Welt gefunden hat, das noch niemandem gehörte, brauchte man einen Schiedsspruch, der die Welt zwischen den beiden großen Seefahrernationen Spanien und Portugal aufteilte. Die beiden Königreiche auf der iberischen Halbinsel waren katholisch, also bot sich der Papst als Vermittler an.

In seiner Bulle Inter caetera teilte der Papst 1493 die neuen Entdeckungen zwischen Spanien und Portugal auf. Vom Nord- bis zum Südpol wurde eine Linie auf der Weltkarte gezogen. Alle neu entdeckten Länder, die östlich dieser Linie lagen, sollten dem König von Portugal gehören. Alles, was es westlich der Linie zu entdecken gab, gehörte dem König von Spanien.

Lila und gestrichelt: Die päpstliche Urkunde Inter caetera. Lila und durchgehend: Der Vertrag von Tordesillas. Vergesst die grüne Linie! Und klickt, um's zu vergrößern.

Die Portugiesen wollten so ihre Route um Afrika nach Indien behalten und die Spanier sich die Kontrolle über die Neue Welt sichern.

Schon ein Jahr später, 1494, wurde die päpstliche Bulle durch den umfassenden Vertrag von Tordesillas ersetzt. Der Vertrag verschob die Trennlinie zwischen Spanien und Portugal ein Stück nach Westen, was es den Portugiesen ermöglichte, einen Teil des heutigen Brasilien zu besiedeln.

Wie man sieht, hat sich Portugal irgendwann nicht mehr an die Grenze gehalten.

Und so kommt’s, dass der westliche Teil Südamerikas Spanisch und Brasilien Portugiesisch spricht.

Kleine Rechtsgeschichte des Reichs Freitag, Nov 19 2010 

– Die Grundgesetze des Heiligen Römischen Reiches

So ein großes Reich wie das Heilige Römische, das sich so lange halten konnte, brauchte natürlich auch ab einem gewissen Zeitpunkt Gesetze, die dem Reich einen rechtlichen Rahmen verliehen.

Beginnen tut das 1220 mit der Confoederatio cum principibus ecclesiastis, die von Kaiser Friedrich II. erlassen wurde. Mit diesem Gesetz gab der Kaiser weitreichende Herrschaftsrechte an die Bischöfe des Reiches ab; jene konnten von nun an Zölle erheben, Münzen prägen oder Burgen bauen. Mit der Confoederatio wollte Friedrich II. die Bischöfe dafür gewinnen, seinen Sohn Heinrich (VII.) zum König zu wählen. Dass sich Heinrich später als Vollniete entpuppen sollte, konnte zu diesen Zeitpunkt noch niemand ahnen.

Heinrich erließ 1231 das Statutum in favorem principum, das wiederum den einzelnen Fürsten des Reiches weitreichende Rechte gab und bereits existierende Rechte verbriefte. Der tolle König Heinrich tat dies wegen seiner städtefreundlichen Politik. Um die Fürsten milde zu stimmen verramschte er die Königsrechte. Sein Vater, immerhin Kaiser Friedrich, musste den Fürsten 1232 zähneknirschend das Statutum bestätigen.

Beide Edikte legten den Grundstein für die föderative Ordnung, die das Reich die nächsten gut 600 Jahre prägen sollte. Die geistlichen Herrscher bekamen weitreichende Rechte verbrieft, ebenso wie die weltlichen. Dadurch wurden sie ein bisschen unabhängig vom römisch-deutschen Kaiser.

Kaiser Karl IV. erließ 1356 die Goldene Bulle. Dort wurde im Grunde kein neues Recht geschaffen, sondern nur das festgeschrieben, was ohnehin schon Usus war. Der wohl wichtigste Teil der Goldenen Bulle betraf die Wahl des deutschen Königs, der sich ja immerhin später zum Kaiser krönen lassen konnte. Das Kurfürstenkolleg wurde geschaffen und die sieben Kurfürsten wurden festgelegt. Nämlich drei geistliche, die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, und vier weltliche, der Pfalzgraf bei Rhein, der König von Böhmen, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg.

Altbewährte Karte des Reichs von 1648 mit Kurfürstentümern. Hellblau sind alle geistlichen Territorien. Ganz schön viele!

Kaiser Maximilian I. führte 1495 auf dem Reichstag zu Worms Reformen durch, die das Reich fit für die Zukunft machen sollten. Dazu gehörte der Ewige Landfriede, der die Fehden verbot. Bei Fehden verhielt es sich so, dass zwei Konfliktpartner, statt vor Gericht zu ziehen, sich lieber gegenseitig die Augen ausstachen und dieser Umstand sollte tunlichst eingeschränkt werden. Die zweite Reform war die Einrichtung des Reichskammergerichts, vor dem jeder klagen konnte. Die dritte Reform war der Gemeine Pfennig, eine Reichssteuer.

Im Jahre 1500 ließ Maximilian das Reich in zehn Reichskreise einteilen, was die Verwaltung vereinfachte. Jeder Reichskreis sollte für das Reich ein bestimmtes Truppenkontingent stellen, für den Fall, dass es zum Krieg kommen sollte. Manche Reichskreise funktionierten reibungslos, aber vor allem dort, wo zwei mächtige Fürsten innerhalb des Reichskreises um die Vorherrschaft stritten, war der Kreis eher lahmgelegt. 

Nach der Reformation nahmen einige Fürsten den protestantischen Glauben an und verbündeten sich, während die katholischen Fürsten das gleiche taten. Am Ende der darauf folgenden Kämpfe stand der Augsburger Religionsfriede von 1555. Der (katholische) Kaiser sicherte den protestantischen Fürsten die Sicherung ihrer Besitzstände zu und erkannte ihren Glauben an. Außerdem wurde die Formel cuius regio, eius religio eingeführt, was sich salopp mit „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ übersetzt werden kann – die Fürsten bestimmten, welchen Glauben die Untertanen in ihrem Herrschaftsgebiet zu haben haben. Wenn ein katholischer Herrscher zum protestantischen Glauben übertrat, wechselten auch die Untertanen den Glauben. Besonders wild wurde dieses Spielchen in der Kurpfalz getrieben.

Der Dreißigjährige Krieg hinterließ tiefe Wunden im Reich, auf dessen Gebiet der Krieg schließlich tobte. Der Westfälische Friede von 1648 wurde wegen der Erfahrung des Schreckens des Krieges äußerst sorgfältig ausgearbeitet; er gilt als der erste Vertrag nach modernem, internationalem Recht. Für das Reich selbst wurde das Jahr 1624 als Normaljahr festgesetzt. Alle Klöster beispielsweise, die bis zu diesem Jahr enteignet wurden, blieben auch enteignet. Was danach geschah, sollte rückgängig gemacht werden. Neben dem lutherischen Glauben wurden nun auch die Calvinisten offiziell vom Reich anerkannt und das Prinzip des cuius regio, eius religio abgeschafft. Der Wechsel der Religion des Landesherrn hatte nun nicht zwangsläufig selben Wechsel der Untertanen zur  Folge, sodass in manchen Städten und Ländern sowohl Protestanten als auch Katholiken leben konnten. Für Bayern wurde eine eigene Kurwürde eingerichtet, sodass es nun acht Kurfürstentümer gab. Schweden bekam in Vorpommern und bei Bremen Gebiete und war somit Reichsstand, was bedeutet, dass Schweden auf dem Reichstag vertreten war. Dass eine ausländische Macht nun die Reichsstandschaft innehatte, war nichts ungewöhnliches, denn der König von Dänemark war schon seit längerem als Herzog von Holstein auf dem Reichstag vertreten. Außerdem bekamen die Landesfürsten mehr Unabhängigkeit; der moderne Staat war geboren.

Nach der Französischen Revolution dehnte Frankreich sich bis zum Rhein aus und die linksrheinischen Gebiete des Reichs wurden französisch. Die Fürsten, die links des Rheins nun ihr gesamtes Gebeit oder Teile davon verloren hatten, sollten nun rechts des Rheins entschädigt werden. 1803 unterschrieb der Kaiser schließlich den von einer Kommission ausgearbeiteten Reichsdeputationshauptschluss. Alle geistlichen Territorien, die seit 1220 ihre Rechte Unabhängigkeit verteidigten, wurden aufgelöst und zur Verteilungsmasse, lediglich der Deutsche Orden, der Malteserorden und der Erzbischof von Mainz, der nach Aschaffenburg verlegt wurde, blieben verschont. Die weltlichen Fürsten wurden nun mit geistlichem Gebiet entschädigt. Kleine Fürsten bekamen Entschädigungen, die etwa dem Finanzaufkommen ihres verlorenen Gebietes entsprach. Größere Fürsten, wie der Markgraf von Baden oder der Herzog von Württemberg, die das neun-, bzw. sechsfache ihres verlorenen Gebietes bekamen, profitierten sehr stark von der Umverteilung. Dabei achtete man nicht darauf, zusammenhängende Territorien zu schaffen, sondern schaute lediglich auf das Finanzielle; die Karte des Reiches blieb sehr bunt. Die Kurpfalz wurde ebenfalls aufgelöst, stattdessen wurde Salzburg, als weltliches Herrschaftsgebiet zum Kurfürstentum erhoben, ebenso Baden und Württemberg. Natürlich fielen Köln und Trier weg, die a) geistliche Kurfürstentümer waren (und als solche nicht geschont wurden) und b) ohnehin linksrheinisch lagen und nun französisch waren.

Die Auswirkungen auf das Reich konnten sich jedoch nicht entfalten, denn in der Folgezeit dachten die Reichsfürsten zuerst an sich selbst und dann an das Reich; Baden, Bayern und Württemberg kämpften sogar an der Seite von Napoleons Frankreich gegen ihren Kaiser! Ob der Reichsdeputationshauptschluss dem Reich die nötigen Reformen verpasst hätte, ist unklar, denn die Lage war inzwischen so instabil, dass es für Napoleon ein leichtes war, dem Reich den Todesstoß zu versetzen.

1806 gründete der kleine Korse den Rheinbund, dem außer Österreich und Preußen so ziemlich alle anderen deutschen Staaten angehörten. Als diese schließlich auf Druck Napoleons hin ihren Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich bekannt gaben, legte Franz II. die Krone des Reiches nieder und beendete so das tausendjährige Bestehen des Heiligen Römischen Reiches.