– Der Aufstieg der Nation der Zulu

In wenigen Monaten geht es los, dann ist Fußball-WM in Südafrika! Und während der eine zum ersten Mal von diesem Land hört, weiß der gebildete (d.h. hier lesende) Blogbesucher nur sehr wenig über die Geschichte des Landes am Kap, vielleicht ein bisschen was über die Apartheid oder Nelson Mandela, aber kaum etwas über zum Beispiel den eingeborenen Stamm der Zulu. Eine spannende Geschichte? Schau’n wir mal!

Unsere kleine Zeitreise beginnt im 16. Jahrhundert, Stammesgründer Mandalela zieht mit seiner Familie durch den Südosten des späteren Südafrikas, auf der Suche nach einem geeigneten Platz zur Niederlassung. An einem Flussufer kommt es zum Streit, Mandalela will über den Fluss und weiter nach Land suchen, die Mehrheit seiner Familie möchte lieber auf dem fruchtbaren Fleck voller Melonen hier am Fluss bleiben. Die Widerspenstlinge bleiben zurück und nennen sich „Die bei den Melonen wohnen“. Mandalela zieht trotzig mit ein paar treuen Mitstreitern weiter und gründet am Ufer eines anderen Flusses einen Stamm, der sich nach Mandalelas Sohn, Zulu, später selbst „Zulu“ nennen wird.

Viele, viele Monde gehen ins Land, bis der Stammeshäuptling der Zulu Senzangakona heißen wird. Bei einer Feier mit dem benachbarten Stamm der Elangeni wirft Senzangakona ein Auge auf die hübsche Königstochter der Elangeni namens Nandi. Bei einer religiösen Zeremonie passiert das, was passieren musste, Senzangakona schwängert Nandi. Und macht dann das, was jeder geile Bock in dieser Situation macht: Er erkennt das Kind nicht an. Mehr noch, Schuld an der Zeugung seines Filius sei nicht er, sondern ein Käfer, der den Menstruationszyklus der Frau stört, namens Shaka – somit hat der Bub auch gleich seinen Namen weg. Benannt nach dem Periodenkäfer.

Senzangakona versucht, Nandi und Shaka in seinem Stamm zu etablieren, doch die beiden werden nicht anerkannt. Also löst Senzangakona sein Problem, indem er Nandi und Shaka zurück zu den Elangeni schickt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Shaka wächst also beim Stamm der Elangeni auf, auch hier mehr geduldet als akzeptiert, schließlich ist er in deren Augen der Sohn einer Hure und eines Käfers. Und so wird er auch behandelt, als kleines Kind wird ihm die undankbare Aufgabe zuteil, das Vieh zu hüten – und als solcher ist man traditionell nackt. Als ob die Stammesjungen Shaka nicht schon genug schikanieren würden, kommt noch hinzu, dass er wegen seines gar winzigen Genitals gehänselt wird.

Nach ein paar wenigen Jahren stirbt Nandis Vater, ihr einziger Gönner im Stamm, und im Land kommt es zu einer Hungersnot. Die Elangeni haben Mühe, ihre Leute zu ernähren. Als erstes werden sie daher den nutzlosen Ballast los, den sie ohnehin nur durchfüttern müssten – Nandi und Shaka. Die beiden ziehen ziellos durch die Steppe und kommen letztendlich bei einem entfernten Verwandten bei einem anderen Stamm unter. Dort entwickelt sich Shaka prächtig, er kommt in die Pubertät, seine Glieder wachsen und er wird ein großer, kräftiger Mann. Auf einmal interessiert sich Zulu-Chef Senzangakona wieder für Shaka, denn einen kräftigen, guten Krieger kann man immer gebrauchen, und auch die Elangeni erheben Ansprüche auf ihn, schließlich hat man ihn und seine nutzlose Mutter lange Zeit durchgefüttert. Shaka entscheidet sich dagegen und tritt den Militärdienst bei der mächtigen Mtetwa-Allianz an.

Dort wird er zum Krieger ausgebildet, lernt den Umgang mit dem Wurfspeer, der Lanze und dem Schild. Vom einfachen Krieger dient er sich hoch zum Offizier. Im Krieg findet Shaka seine Berufung: Schlächter! Es macht sich bemerkbar, dass die vielen Peniswitze aus seiner Kindheit Spuren hinterlassen haben. Er entwickelt, da er Fernkampfwaffen für feige hält,  eine Art Schwert mit dem Namen Iklwa – benannt nach dem Geräusch, das es macht, wenn man es aus dem Fleisch eines toten Feindes zieht. Außerdem gewöhnt er sich an, jede Erhöhung seines Bodycounts zu kommentieren, mit einem kraftvoll gebrüllten „Shaka, du schaffst es!“ „Ngadla!“ – was so viel wie „Ich habe gegessen!“ bedeutet. Der Schlachtablauf bei Shaka läuft also folgendermaßen ab: Schwert in den Feind rammen, iklwa, „Ngadla!“

Trotz seiner Marotten schätzt die Allianz Shaka, er bekommt das Kommando über immer größere Verbände und nutzt neue Taktiken. Bisher waren Schlachten zwischen den Stämmen darauf bedacht, möglichst kurz zu sein, mit möglichst wenig Verlusten. Beide Armeen standen sich gegenüber, warfen zunächst ihre Wurfspeere aufeinander und stürmten dann frontal aufeinander zu. Wer sich zuerst ergab, hatte verloren. Shaka ändert die Strategie seiner Armee, um das größtmöglichste Blutbad anrichten zu können: er teilt seine Armee in drei Teile auf, der eine Teil stürmte frontal auf den Gegner zu, die anderen attackieren die linke und rechte Flanke. Diese neuartige und höchst effektive Taktik bringt ihm größten Respekt seitens der Allianz bei.

Strategie der Zulu

Eines Tages stirbt Senzangakona und die Allianz beschließt, Shaka zum Häuptling der Zulu zu machen. Shaka marschiert mit einem kleinen Trupp zu den Zulu und erledigt jeden Widerstand auf seine Art (iklwa, „Ngadla!“). Einen von Senzangakonas Söhnen, der tatsächlich die Frechheit besaß, sich auf den Thron zu setzen, zerrt Shaka herunter, tötet ihn und wirft die Leiche in den Fluss. Ein Halbbruder Shakas namens Dingane, der gerade von einer diplomatischen Mission zu den Zulu heimkehrt, sieht die Leiche seines Bruders im Fluss vorbeischwimmen und ahnt nichts Gutes. Bei den Zulu wirft er sich vor Häuptling Shaka in den Staub und schwört ihm die Treue. Shaka nimmt ihn bei sich auf. Es sollte sich als Fehler herausstellen. Jeden anderen Widerspenstigen lässt er hinrichten, die alte Königshütte niederbrennen und eine eigene, größere errichten. Die größte im südlichen Afrika.

Und damit beginnt der Aufstieg der Zulu zur mächtigsten Nation im Land.

Das erste, was Shaka mit seinem neuen, frisch von allen illoyalen Menschen gesäuberten Stamm tut, ist Rache nehmen. Mit seinen Truppen marschiert er zu den Elangeni. Diejenigen, die ihm und seiner Mutter geholfen haben, belohnt er mit Vieh (oder dem Leben), doch für jede einzelne Schikane nimmt er fürchterliche Rache. Der Rest der Elangeni geht in den Zulu auf, wer Widerstand leistet, wird mit dem Iklwa gekitzelt.

Shaka

Shaka fühlt sich und seine Zulu von seinen Nachbarn bedroht und beginnt, seine direkte Umgebung anzugreifen. Dank seiner Zangentaktik erobert Shaka einen Stamm nach dem anderen. Alle kriegstauglichen Männer werden hingerichtet, es sei denn, sie unterwerfen sich König Shaka demütig. Die Frauen und Kinder werden in den Zulu-Stamm integriert. Stämme, die der Eroberung entgehen wollen, fliehen und wenden Shakas Zangentaktik wiederum bei ihren Nachbarn an, die auch wieder fliehen, ihre Nachbarn angreifen, die fliehen usw. So beginnt die größte Umwälzung der Stammesstruktur in der Geschichte Südafrikas, ganze Landstriche werden entvölkert, Stämme verschwinden oder lösen sich auf, kleine Banden streifen rastlos durch die Steppe, Kannibalismus ist außerhalb der großen Stämme an der Tagesordnung. Innerhalb weniger Jahre hat Shaka die Größe seiner Nation mehr als vervierfacht, als das Oberhaupt der Allianz stirbt und diese zerfällt. Um das Machvakuum ringen außer den Zulu noch zwei weitere Stämme, die jeweils doppelt so groß sind wie Shakas Volk. Shaka gefällt der Gedanke grenzenloser Macht und besiegt in schweren, verlustreichen Kämpfen erst den einen, dann den anderen Stamm.

Ungefähre Lage und Ausdehnung des Königreichs der Zulu unter Shaka im heutigen Südafrika (eingefärbt von mir)

Damit besitzt er das mächtigste Reich Südafrikas. Östlich von ihm ist nur das Meer, ansonsten ist er umgeben von den umhervandalierenden Stammesresten, die keine Bedrohung darstellten. Shaka fehlen die Herausforderungen und der Krieg, denn bisher kannte er ja nichts anderes, als auf vermeindliche Bedrohungen von außerhalb zu reagieren. Er weiß einfach nicht, wohin mit seiner Energie. Also beginnt er die eigenen Untertanen zu schikanieren. Der kleinste Widerstand schon wird brutal bestraft. Ein Lachen im ungünstigen Moment und es heißt „Ngadla!“ Shakas Harem besteht aus über tausendfünfhundert Frauen. Er besitzt Diener für jede Kleinigkeit; er besitzt jemanden, dessen Aufgabe es ist, sich von Shaka auf den Rücken spucken zu lassen. Und wehe, Shakas Speichel läuft auf den Boden!

Dann schließlich stirbt Nandi, seine Mutter. Der arme Shaka, die gute Mutter tot! Aus dem ganzen Reich kommen Menschen, um Nandis Tod zu betrauern. Shaka gefällt dies und prompt, aus einer Laune heraus, lässt er siebentausend von ihnen hinrichten. Nach Nandis Tod wird Shaka noch ungemütlicher, Hinrichtungen werden in immer kürzeren Abständen vollzogen und Todesurteile aus immer haarsträubenden Gründen verhängt. Shakas Halbbruder Dingane, den er einst am Leben lies, wird das alles zu viel, in einem günstigen Moment tötet er Shaka hinterrücks mit einem Wurfspeer.

Shakas letzte Worte: „Du wirst nicht herrschen, wenn ich tot bin, Dingane. Denn der weiße Mann ist bereits hier.“ Ein halbes Jahrhundert später ist die Zulu-Nation ein Teil des britischen Südafrikas.